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Magical Man Medo Leseprobe

Kapitel 1

 

Erste Sätze wurden überbewertet. Egal, ob es sich dabei um eine Vorstellung beim Kennenlernen handelte, dem Beginn eines Buches, eines Videospiels oder von sonst irgendetwas: Wer allein nach dem ersten Eindruck ging, lief Gefahr, Außergewöhnliches zu verpassen.

›Wer hätte gedacht, dass mir Wrath of Batkalo so viel Spaß macht! Dafür, dass ich dieses Spiel am liebsten schon nach dem Tutorial deinstalliert hätte … ‹, dachte Medo und lauerte mit seinem Charakter darauf, auch noch den letzten Gegner auszuschalten. Er biss sich auf die Unterlippe und hielt vor lauter Anspannung die Luft an. Wo war der denn bloß? Sollte er nach ihm suchen? Er schüttelte den Kopf. Seine defensive Strategie hatte sich schon häufig als erfolgversprechend herausgestellt. Deshalb wollte er sie jetzt, wo er sich im Finale dieses Turniers befand, nicht ändern.

Da er noch immer die Luft anhielt, spürte er seinen Herzschlag deutlicher als zuvor. Hastig wischte er sich die schwitzigen Hände an der Hose ab, damit er den Controller weiterhin fest greifen konnte. Bald musste er sich zeigen! Und da war die feindliche Spielfigur plötzlich. Medo ließ seinen Elementarmagier mit einem Buttondruck aus dem Gebüsch springen und mit einem weiteren einen riesigen Feuerball auf den Schwertkämpfer werfen, der daraufhin zu Boden ging.

In großer, goldglänzender Schrift erschien das Wort Victory auf dem Bildschirm.

Zitternd atmete Medo durch und versuchte, zu registrieren, was gerade geschehen war. Gewonnen? Wirklich? Zumindest stand das da! Medos Arme schnellten in die Höhe. Er sprang von seinem Stuhl auf und hüpfte so lange im dunklen Raum herum, bis ihm die Puste ausging. Schnell setzte er sich wieder und lehnte sich zurück. Die Siegbenachrichtigung war noch immer eingeblendet und darunter erschien seine Belohnung.

»Yeah!«, jubelte er, als er den legendären Zauberstab in der Liste erblickte. So lange hatte er versucht, diesen Gegenstand zu bekommen, da der so gut zum restlichen Outfit seines Magiers passte. Nach so vielen Versuchen hatte er es nun endlich geschafft! Er ließ seinen Gefühlen freien Lauf. Wie froh er war, allein in diesem Haus zu leben und daher ohne schlechtes Gewissen zu jeder Tages- und Nachtzeit herumbrüllen zu können. Keine Mitbewohner oder Nachbarn, die ihm auf die Nerven gingen oder sich beschwerten. Es war ein Traum!

Er sah auf die Uhrzeit am unteren Bildschirmrand und blinzelte.

›So spät schon?‹, wunderte er sich. Sonst dauerten die Kämpfe deutlich kürzer. Er schaute beiläufig auf das darunter stehende Datum. ›Freitag, der 13. Von wegen, Freitag der 13. bringt Unglück.‹

Er rüstete seinen Zauberer mit dem neuen Stab aus und betrachtete ihn mit seligem Lächeln. So viele Spielstunden hatte er investiert, um diesen Gegenstand zu bekommen. Und nun hatte er ihn endlich. Er konnte es noch immer nicht fassen!

Medo rieb sich die brennenden, schweren Augen. Er saß definitiv zu viel am Computer.

»Ich sollte wirklich mal früher ins Bett«, sagte er zu sich selbst und beendete das Spiel. Den Rechner ließ er für den Download einer größeren Datei angeschaltet und der Bildschirm würde sich nach wenigen Minuten Inaktivität ohnehin von allein ausschalten, weshalb er auch diesen nicht weiter beachtete.

Wie auf Befehl stellte sich die Müdigkeit bei ihm ein. Er gähnte ohne vorgehaltener Hand, während er sich auf dem Stuhl streckte. Er versuchte vergeblich, sich daran zu erinnern, wann er das letzte Mal vor 2 Uhr ins Bett gegangen war. Sein Schlafverhalten war in den letzten Wochen ungesund geworden.

Auf der anderen Seite gab es niemanden, der ihn dafür kritisierte. Bei seinem Job als Softwareentwickler hatte er glücklicherweise die Freiheit, sich seine Arbeit einzuteilen, wie er wollte. Zudem konnte er im Homeoffice arbeiten – und davon machte er permanent Gebrauch. Solange er seine Aufgaben bis zur Deadline erledigt hatte, musste er keine Konsequenzen befürchten. Das Gehalt kam pünktlich zum Monatsende und war hoch genug, dass er als sparsamer Mensch nicht allzu sehr aufs Geld schauen musste. Viele hätten sein Leben als langweilig empfunden, aber er mochte es so, wie es war.

Medo erwischte sich dabei, wie er die Augen schloss und zu dösen begann. Langsam drückte er sich an den Armlehnen des Stuhls nach oben und mobilisierte seine verbleibenden Kräfte, um sich ins Badezimmer zu schleppen.

Wieso konnte er es sich bloß nicht angewöhnen, sich bettfertig zu machen, bevor er bereits fast im Stehen einschlief?

Schlurfend und mit Brille in der Hand, ging er nach seiner Waschroutine aus dem Bad, vorbei am eigenen Büro und in Richtung Schlafzimmer. Er blieb stehen und runzelte die Stirn. Hatte er gerade ein blaues Licht aus dem Augenwinkel heraus gesehen oder war das nur die Müdigkeit? War der Bildschirm noch an? Der sollte doch schon längst aus sein!

Medo seufzte genervt. Dann musste er ihn halt doch manuell ausschalten. Er ging drei Schritte rückwärts und blieb in der Tür stehen.

In Schockstarre schaute er auf seinen Bürostuhl. Zusätzlich zum blauen Leuchten des Bildschirms war da etwas anderes im dunklen Raum. Er rieb sich die Augen und blinzelte einige Male. Dann setzte er seine Brille auf und schaute noch einmal genauer hin. Ihm war, als säße auf seinem Stuhl eine menschliche Gestalt, halb transparent und blau leuchtend.

»Ich muss mehr schlafen«, murmelte Medo vor sich hin und sah, wie die vermeintliche Halluzination vom Stuhl aufstieg. Er zuckte zusammen.

Langsam drehte sich die Gestalt zu ihm um. Ein weiteres Zucken. Stechend blaue Augen sahen in seine braunen. Dann: ein Grinsen auf dem Gesicht seines Gegenübers.

»Buh!«, hallte es durch den Raum.

Medo jagte ein Schauer über den Rücken. Noch immer stand er wie angewurzelt da und versuchte, die wirren Gedanken in seinem Kopf und den Anblick vor seinen Augen zu einer einigermaßen sinnergebenden Situationsbeschreibung zusammenzufassen. Schließlich schaffte er es, seinen Überlegungen Ausdruck zu verleihen, indem er fragte: »Häh?«

Endlich konnte er seinen Blick lösen. Er schüttelte den Kopf, während er die Augen zusammenkniff. Seine Mutter hatte ihn früher immer gewarnt, er solle nicht bis zur Geisterstunde Videospiele spielen. Hätte er mal besser auf sie gehört! Dann würde er jetzt keine Geister sehen. Wäre sie noch am Leben, hätte er ihr zugetraut, dass sie sich hier gerade einen miesen Scherz erlaubte.

Medo atmete tief durch und schaute dann ruckartig auf. Die Erscheinung sah er noch immer, nur, dass sie jetzt näher zu ihm gerückt war. Er schluckte den Kloß in seinem Hals herunter und streckte seine Hand aus. Keinesfalls würde er auf Widerstand stoßen, das wusste er, aber vielleicht würde sich seine Einbildung ja in Luft auflösen. Dann konnte er beruhigt den Bildschirm ausschalten und zu Bett gehen – da hin, wo er längst sein sollte!

Seine Hand glitt wie erwartet durch die Gestalt hindurch, doch fühlte er nicht nichts, sondern Kälte, die sich wie ein Schleier über seinen Unterarm zu legen schien. Er bekam Gänsehaut und zog seinen Arm wieder zu sich. Plötzlich verschwanden die Halbtransparenz und das Leuchten seines Gegenübers und er wurde von ihm gepackt. Medos Knie wurden weich und dann verschwand das Wesen schnell nach unten aus seinem Sichtfeld. Ihm wurde schwarz vor Augen.

 

****

 

Als Medo wieder erwachte, dröhnte sein Kopf. Für einen Moment öffnete er die Augen einen Spalt weit und sah blaues Licht, das die Decke des sonst dunklen Raumes erhellte. Langsam erinnerte er sich wieder daran, was geschehen war. Er legte die Hände über seine Augen und seufzte. Leider hatte er seine Virtual-Reality-Brille nicht auf, was zumindest der Beginn eines logischen Ansatzes gewesen wäre.

»Aufwachen, Schlafmütze. Wir müssen reden.«

Die Stimme dröhnte in seinem Kopf und verstärkte den nachwirkenden Schmerz des Aufpralls.

»Fuck«, presste er heraus und gab den Versuch, sich aufzusetzen, direkt wieder auf.

»Ja, ich weiß, wenn jemand zu dir sagt Wir müssen reden, dann bedeutet das nur selten etwas Gutes. In diesem Fall erwartet dich aber eine 1-A-Gelegenheit der Superlative!«

Medo knurrte leise. Was oder wer auch immer ihn da gerade belästigte, könnte das ja auch erst tun, wenn es ihm besser ging.

»Später.«

»Wieso denn später? Ich möchte jetzt reden, um mein Anliegen endlich klären zu können. Viel zu lange geistere«, das Gespenst lachte kurz auf, »ich hier schon herum und warte darauf, dass endlich wieder Freitag der 13. ist. Nur an diesem Tag besteht die Chance, dass Lebende Geister entdecken können! Und nun, da mich endlich jemand wahrnimmt, will ich unbedingt reden!«

»Weil mir der Schädel dröhnt«, antwortete Medo und ignorierte den Rest des Gesagten geflissentlich. Während er sich den Kopf hielt, betrachtete er das Wesen vor sich. Ließ man den blauen Schimmer und die Halbtransparenz außer Acht, war er definitiv menschlich. Er hatte helle, kurze, strubbelige Haare, die von einer Mütze halb bedeckt waren. Zudem trug er ein weites Sweatshirt und eine Baggy Jeans. Es fehlte nur noch ein Skateboard in seinen Händen, um den ersten Eindruck zu komplettieren. »Du siehst aus wie ein typischer Skater.«

Der Geist zog eine Augenbraue nach oben und beobachtete ihn kritisch. Augenblicklich bereute Medo, das gesagt zu haben. Immerhin wusste er nicht, ob er gefährlich war. Was sollte er machen, wenn er plötzlich von ihm Besitz ergriff? Ob er das wohl konnte? Medo schluckte und krallte seine Finger in den Kurzflorteppich.

»Du stehst auf Klischees, oder?«, fragte der Geist und zuckte mit den Schultern. »Hast allerdings nicht ganz Unrecht. Skateboarding war eines meiner Hobbys. Ich vermisse das sehr. Zwar habe ich die Möglichkeit, ein Geisterboard zu erschaffen, aber das ist einfach nicht dasselbe!«

Die erste Anspannung fiel von Medo ab. Anscheinend konnte er normal mit ihm reden, ohne direkt in Lebensgefahr zu sein. Dennoch wollte er nichts riskieren und nahm sich vor, künftig erst nachzudenken, bevor er etwas sagte.

»Ich hab es noch nie versucht, aber es sieht interessant aus«, meinte Medo, kniff die Augen zusammen und massierte sich die Schläfen. Ob er sich all das hier nicht doch einbildete? Aber für einen Traum waren die Schmerzen zu stark. Vielleicht war er übermüdet und halluzinierte, was bei seinem ungesunden Schlafrhythmus nicht weiter verwunderlich wäre. Vorsichtig sah er zum Geist, der geduldig vor ihm schwebte und ihn mit breitem Grinsen beobachtete.

›Wohl keine Einbildung‹, dachte er und schüttelte den Kopf, was er sogleich bereute. Hoffentlich verschwanden die Schmerzen und der Schwindel bald wieder. Am liebsten hätte er sich sofort ins Bett gelegt, doch nach dieser Begegnung bezweifelte er, dass er schlafen konnte. Vom Adrenalinspiegel in seinem Körper abgesehen, machte der Geist nicht den Anschein, als würde er ihm diese Ruhe erlauben. Der starrte ihn nämlich erwartungsvoll an.

»Ich bin wirklich glücklich, dass du mich sehen kannst. Nicht viele Menschen scheinen eine Veranlagung dafür zu haben. Aber endlich hat das Warten ein Ende. Ich weiß gar nicht, wie viel Zeit vergangen ist, seit … «

Medo brauchte einen Moment, um zu verstehen, was das Wesen vor ihm nicht aussprechen konnte oder wollte. Offensichtlich war die Erinnerung daran noch zu schmerzhaft – oder war verdrängt worden.

»Seit meinem Tod«, sagte es schließlich.

»Dann bist du tatsächlich ein Geist?«

»Das nehme ich stark an. Ich erfülle zumindest alle Kriterien dafür, die mir noch aus meinen Lebzeiten bekannt sind.

Medo schnaufte tief durch. Noch immer zweifelte er an allem, was gerade geschah, aber falls das vor ihm tatsächlich ein Geist war, hielt ihn wohl noch etwas in dieser Welt. Das machte ihn neugierig, aber er wusste, dass er in seinem jetzigen Zustand kein langes Gespräch führen konnte. Für gewöhnlich wollte er das auch nicht, er bevorzugte die Stille. Ein Punkt ließ ihm allerdings keine Ruhe.

»Wie konntest du mich vorhin berühren? Und anscheinend auch Sachen anfassen?«

»Ich bin ein Poltergeist«, antwortete er, als ob damit alles erklärt wäre.

Medo rollte gedanklich mit den Augen, verkniff sich aber einen sarkastischen Kommentar.

»Ich wachte tot auf und konnte das«, fügte der Geist hinzu.

Medo gluckste. Offensichtlich mochte er schlechte Wortspiele.

»Zumindest hab ich jetzt eine Erklärung dafür, wieso mein Bürostuhl morgens immer anders steht. Ich dachte schon, ich bilde mir das ein.«

»Hast du nicht.« Der Geist starrte ihn eine Weile an, dann fragte er: »Ich habe mich schon einige Male manifestiert! Was ist mit dem Klopfen? Den zusätzlichen, geöffneten Websites? Die versteckte Fernbedienung? Hast du das bemerkt?«

Medo entgleisten die Gesichtszüge. »Nein«, gab er zu.

Der Geist zog eine Augenbraue nach oben. »Wie konntest du das nicht merken?«

»Ab und zu kam mir zugegebenermaßen mal was seltsam vor. Aber das hab ich dann auf meine Müdigkeit geschoben und nicht weiter darüber nachgedacht.«

»Das … wäre definitiv nicht verwunderlich, falls es daran läge. So wenig, wie du schläfst! Und all das Koffein! Das geht mal in Ausnahmefällen, aber doch nicht ständig!«

Genervt grummelte Medo vor sich hin. »Du klingst wie meine verstorbene Mutter! Hat sie dich geschickt, um mir all das vorzuhalten? Ich komm doch klar, verdammt!«

»Nö. Es ist dein Leben«, antwortete der Geist kurz und knapp. Er sah an sich hinunter und zuckte mit den Schultern. »Ich erinnere mich aber noch in etwa daran, wie es war, lebendig zu sein. Mach was draus, so schön wird’s nie wieder.«

»Ja, ja. Muss schwer sein, unsterblich zu sein und anderen ungesühnt auf den Keks gehen zu können.« Medo schlug sich eine Hand auf den Mund und spürte, wie ihm das Herz bis zum Hals schlug. Hoffentlich hatte seine Frechheit keine Konsequenzen.

»Ach, so toll ist das nicht. Ich sehe alles halbtransparent und mehrere Ebenen übereinander. Leider kann ich mich auch nicht dauerhaft manifestieren, da geht mir schnell die Energie aus und ich leide Höllenqualen, wenn ich es übertreibe. Du musst wissen, wenn ich mich manifestieren möchte, muss ich in den Äther eintauchen. Dann bin ich auf einer anderen Bewusstseinsebene, man könnte auch sagen, parallelen Dimension, die aber doch in diese integriert ist … « Der Geist hielt einen Moment inne. » … das ist etwas komplizierter. Dazu muss ich sagen, es gibt unzählige parallele Dimensionen. Als Geist sieht man sie alle in unterschiedliche Farbtöne getaucht. Die Dimension der Lebenden ist die einzige, die für mich komplett in Farbe ist. Bei einigen Dimensionen wird mir ganz anders. Es gibt beispielsweise eine, die schwarz-weiß-gemustert ist wie ein Schachbrett. Keine Ahnung, wer sich das hat einfallen lassen. Oder überhaupt dieses ganze Konzept mit Leben nach dem Tod. Viel von Leben hat das nicht mehr, kann ich dir sagen!«

Medo gab sich redliche Mühe, der Erklärung zu folgen, war aber direkt zu Beginn ausgestiegen. Wie konnte man nur so viel reden? Da musste sich ordentlich was angestaut haben.

»Anstrengend und nervig«, sagte Medo und redete dabei nicht von den Schilderungen.

Der Geist klopfte sich mit geballter Faust auf die stolzgeschwellte Brust – oder zumindest tat er so. »Ich bin hart im Nehmen! Das ist ein Leichtes für mich.«

»Du wirkst tatsächlich sehr tough«, murmelte Medo und hoffte, seine Aussage klang nicht ganz so desinteressiert, wie er im Augenblick war. Sein Körper zeigte ihm, dass es höchste Zeit war, endlich zu Bett zu gehen, damit er sich regenerieren konnte. Aber nach alldem würde er definitiv nicht schlafen können. Wer wusste, was dieser Geist vorhatte!

»Wir reden später«, sagte der Poltergeist plötzlich und legte eine Hand auf Medos Stirn. Sofort wurde ihm erneut schwarz vor Augen.

 

 

Kapitel 2

 

Als Medo wieder erwachte, waren die Schmerzen glücklicherweise vollständig verschwunden. Langsam erinnerte er sich an die Ursache davon. Er lag im Bett und draußen war es noch dunkel. Kurzerhand schaltete er die Nachttischlampe an und schaute auf den Wecker. Vier Uhr.

Eine ganze Weile blieb er liegen und dachte über das Geschehene nach. Wenn er um diese Uhrzeit sogar ausgeschlafen war, musste er das alles geträumt haben. Nach so einem Ereignis hätte er sonst doch niemals schlafen können!

›Sollte doch mehr auf mich achten‹, dachte er und drehte sich auf den Rücken. Er streckte sich ausgiebig und sah die Decke an. Ob er noch mal versuchen sollte, einzuschlafen? Welcher Wochentag war heute überhaupt? Musste er nachher arbeiten?

Plötzlich tauchte ein bekanntes Gesicht vor ihm auf, dessen Besitzer ihn breit angrinste.

»Buh!«

Medo rutschte hastig auf der Matratze nach hinten, seinen Blick fest auf den Geist gerichtet. Sein Herz pochte so stark, dass seine Sicht wackelte. Verzweifelt krallte er sich in die Bettdecke und drückte diese, so fest es ging, an sich. Das durfte doch nicht wahr sein!

»Guten Morgen. Endlich bist du wieder wach!«

»Man kann dich ja auch im Licht sehen!«, rief Medo, ohne auf den Gruß einzugehen.

»Jo. Du kannst das anscheinend.« Der Geist seufzte theatralisch. »Ich hatte wirklich gehofft, dass du aufwachst und wir bald reden können. Aber dann hast du ewig geschlafen. Sicherlich drei Stunden! Und so, wie es aussieht, steckt dir der Schreck noch zu sehr in den Knochen. Wirklich schade.«

»Du dachtest wirklich, dass ich das einfach so wegstecke?«, fragte Medo und ignorierte, dass er drei Stunden als Ewigkeit bezeichnete.

»Ehrlich gesagt: Ja. Bei all deinen Interessen dachte ich sogar, dass du dich vielleicht freust, mit einem Wesen aus einer anderen Dimension kommunizieren zu können. Allein schon die Videospiele, bei denen es um Übernatürliches geht.«

Medos Augenbrauen zuckten nach oben. All seine Interessen? Videospiele, bei denen es um Übernatürliches ging? Das letzte Mal, dass er ein Spiel, das in diese Einordnung passte, gespielt hatte, war Wochen her! Wie lange beobachtete dieser Geist ihn denn schon? Und warum?

Sein Magen knurrte leise, aber doch hörbar. Er lag noch im Bett und war bereits jetzt schon genervt. Nicht mal sein morgendliches Koffein hatte er intus!

»Wir können auch später reden. Frühstücke ruhig erst mal, sonst fällt einem das Denken schwer.«

»Wie gnädig«, murmelte Medo und schob seine Beine über die Bettkante. Aber der Geist hatte nicht ganz unrecht. Vielleicht sah die Welt nach dem Frühstück gleich ganz anders aus – auch, wenn er dies stark bezweifelte. Er stand auf und sofort schwebte der Geist neben ihn. Hoffentlich folgte er ihm jetzt nicht auf Schritt und Tritt!

»Sag mal … «, begann der Geist und legte den Kopf schief.

»Hm?«

»Willst du denn gar nicht wissen, wie die Person, neben der du morgens aufwachst, heißt? So hätte ich dich gar nicht eingeschätzt!«

Medo brauchte einen Moment, um die Bedeutung des Gesagten zu verinnerlichen. Er spürte, wie die Muskeln unter seinem linken Auge zuckten und ihm die Hitze in die Wangen stieg. Was wollte er damit denn bitte andeuten? Der Geist lachte laut los. Das konnte ja heiter werden!

Als Medo sich nach einer gefühlten Ewigkeit wieder beruhigt hatte, löste sich der Geist in Luft auf.

»Ich heiße Jack!«, schallte es mit Widerhall durch die Wohnung.

Nach dieser peinlichen Situation war Medo der Appetit weitestgehend vergangen, aber er wusste, dass er den gesamten Tag vergessen konnte, wenn er nichts frühstückte. Also zwang er sich dazu, wenigstens eine Scheibe Toastbrot mit Nuss-Nougat-Creme zu essen. Währenddessen kreisten seine Gedanken natürlich nur um ein Thema: den Poltergeist in seinem Haus. Wieso traf es ausgerechnet ihn und was musste er tun, damit er ihn wieder loswurde? Anscheinend geisterte er ja schon länger hier herum und wollte irgendetwas von ihm.

Lustlos biss er ein Stück vom Brot ab. Er versuchte, sich an Videospiele, Filme oder Serien zu erinnern, die eine ähnliche Thematik behandelten. Da er mit Horror allerdings wenig anfangen konnte, fielen ihm nur zwei Möglichkeiten ein, die alles andere als einfach oder kurzfristig klangen: Dem Geist zur ewigen Ruhe zu verhelfen oder ein Gerät entwickeln, mit dem er ihn fangen und wegschließen konnte.

Sofort hatte Medo den Titelsong eines bekannten Geisterjäger-Films im Ohr. Er kniff die Augen zusammen und dachte an andere Ohrwürmer, die diesen hoffentlich ablösten. Zu gerne summte er die Melodien der Lieder mit und er war sich sicher, Jack wäre nicht allzu erfreut, dieses zu hören. Noch wusste er ja nicht, wozu der Poltergeist imstande war.

›Solange er nicht meinen Körper ausleihen möchte, um irgendeinen Unsinn damit anzustellen‹, dachte er und augenblicklich breitete sich Gänsehaut auf seinen Unterarmen aus. Vergeblich versuchte er, sich mit wiederholten ›Dann hätte er es schon längst getan‹ zu beruhigen. Er atmete tief durch und würgte das Essen, das er noch im Mund hatte, hinunter.

Vielleicht brachte das anstehende Gespräch mit Jack ja eine Lösung mit sich, auf die er gerade nicht kam.

Er nahm seine Tasse und trank langsam einen Schluck des Grüntees, der zwischenzeitlich schon auf Trinktemperatur abgekühlt war.

»Wie lange brauchst du denn, um zu frühstücken?«, hörte Medo Jack fragen und verschluckte sich prompt. Zusätzlich zu dem Hustenreiz quälte ihn der Schmerz in der Luftröhre. Aus dem Augenwinkel heraus sah er, dass links von ihm etwas blau leuchtete, und drehte sich mit einem bösen Blick dahin um.

»Vorsichtig, erstick nicht! Ich brauch dich noch.«

»Offensichtlich nicht«, Medo unterbrach den Satz, um noch einige Male zu husten, »sonst würdest du mich nicht zu Tode erschrecken.«

»Mein Tod ist schon einige Jahre her, ich hab schlichtweg nicht dran gedacht. Die Regeln des Lebens gelten für mich ja nicht mehr.«

Jack zuckte mit den Schultern, woraufhin Medo zu spüren glaubte, wie sein Blutdruck stieg. Nur mit Mühe und Not hielt er einen sarkastischen Kommentar zurück. Noch nicht einmal eine Entschuldigung? Aber wenigstens hatte Jack das ausgesprochen, was er ja schon vermutete: Er brauchte ihn. Für was auch immer.

»Eigentlich kannst du auch erzählen, was du von mir möchtest, und ich esse währenddessen weiter«, bot Medo an und hoffte, dass er all dies so schnell wie möglich hinter sich bekam. ›Das wird vermutlich eh wieder ein Monolog. Aber er hat sicherlich nicht viele Leute zum Reden. Vielleicht wird man dann zwangsläufig zur Labertasche.‹

Medo biss demonstrativ ein weiteres Mal ins Toastbrot.

Jack verschränkte die Arme und musterte ihn.

»Was?«, fragte Medo, wobei er sich keine Mühe gab, nicht genervt zu klingen. Wenn er ihn wirklich brauchte, dann musste er nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Zumal er wusste, dass er Sarkasmus und Zynismus viel zu sehr verinnerlicht hatte und ihm früher oder später sowieso ein entsprechender Kommentar herausrutschen würde.

»Du wirkst so ungeduldig.«

»Weil du nicht mit der Sprache rausrückst.«

Auf einmal legte Jack ein breites Grinsen auf. Medo hielt inne und beobachtete ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue. Was amüsierte Jack denn nun so?

»So, so. Ich weiß schon, was los ist. Du willst möglichst schnell herausfinden, was ich von dir möchte, damit du das hier hinter dich bringen kannst oder dir etwas einfällt, um mich loszuwerden.«

›Verdammt‹, dachte Medo und schluckte den Bissen in seinem Mund endlich hinunter.

»Ich hätte ja gedacht, dass du eher der kooperative Typ bist. Du arbeitest häufig im Team und bei deinen Spielen bist du öfters auch mit anderen unterwegs.«

Medo legte das Toastbrot auf dem Teller ab und schob den auffällig langsam von sich. War da etwa schon seine Gelegenheit, ihn loszuwerden?

»Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen«, sagte er und erwiderte Jacks Grinsen. »Ich mach so viel wie möglich allein und unternehme nur Dinge mit anderen, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Im Beruf geht es manchmal nicht anders und einen Raid schafft man ohne Cheaten auch nicht allein. Ich bin Einzelgänger und absolut zufrieden damit. Falls du also jemanden suchst, der gerne Dinge mit dir und für dich tut, dann wirst du wohl leider, leider noch weitersuchen müssen. Zu schade aber auch.«

»Du kannst ja reden! Und auch frech werden! Schön, das gefällt mir! Wir werden ein tolles Team sein!«

Medo sackte zusammen. Hatte er ihn nun etwa auch noch motiviert? Mist. Einen Versuch war es wert gewesen. Medo rollte mit den Augen. Und noch immer wusste er nicht, worum es hier überhaupt ging!

»Und wobei werden wir deiner Meinung nach ein Team sein?«

»Dabei, böse Geister zu bannen, die Menschen terrorisieren und ihnen schaden.«

Stirnrunzelnd sah Medo Jack an. Wurde das hier etwa so ein klassisches ›Du bist auserwählt‹-Ding? Er lachte leise auf. Wieso sollte ausgerechnet er zu Höherem berufen sein? Er hätte zwar theoretische Erfahrung, was diese Thematik anging – Medien aller Art sei Dank –, aber da hörte es auch schon auf.

»Du musst wissen, dass ich nur dann meine ewige Ruhe finden kann, wenn ich meine Mission erfülle. Mir wurde von höheren Mächten aufgetragen, dreizehn Rachegeister zu verbannen, damit diese kein Unheil mehr anrichten können. Erst dann darf ich ins Jenseits. Und das kann ich nur mithilfe eines Lebenden.« Jack flog auf ihn zeigend näher an ihn heran, was ihn zum Zurückweichen bewog. Er sah, wie das blaue Leuchten der Hand einem hellen Hautton wich. Der Anblick war mehr als befremdlich, hatte aber auch etwas Faszinierendes an sich, weshalb er darauf starrte. Jack stupste ihm mit dem Zeigefinger kurz auf die Nase. »Mithilfe von dir.«

Medo brauchte einen Moment, um seinen Blick abzuwenden und das Erzählte zu verarbeiten. Schließlich schüttelte er ungläubig den Kopf. »Mal davon abgesehen, dass ich nicht weiß, wie das geht, glaube ich wirklich, dass so gut wie jede andere Person auf diesem Planeten besser geeignet wäre, ein Held zu sein.«

»Es ist zu schade, dass du so wenig Selbstvertrauen hast. Daran müssen wir arbeiten, aber das wird schon.« Jack schnalzte mit der Zunge. »Und ich muss dich leider enttäuschen: Es gibt keine Person, die dir das abnehmen kann. Jetzt, wo ich mich dir gezeigt habe, bin ich an dieses Haus gefesselt.«

»Verdammt«, rutschte es Medo heraus. Sofort schlug er sich mit beiden Händen auf den Mund.

»Stimmt, das bin ich.« Jack lachte laut. »Nee, mal im Ernst: Fluch ruhig so viel du willst, mich stört das nicht.«

»Gut. Wird sicherlich noch häufiger passieren.«

»Du müsstest ausziehen, wenn du mich nicht mehr sehen möchtest. Aaaber dann werde ich dich verfluchen, weil du mir nicht geholfen hast. Werde ich übrigens auch, wenn du zusicherst, mir zu helfen, und den Pakt trotzdem nicht eingehst.«

Medo schaute zu Boden und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. Das konnte doch nicht wirklich passieren! Er war so oder so am Arsch.

»Dann kann ich also nur hoffen, dass ich das Bannen der Geister hinbekomme?«, erkundigte er sich. Ihm wurde schlecht.

»Exactamundo!«

Medo ließ sich die Stuhllehne hinunterrutschen und starrte die Decke an, in der Hoffnung, sie würde ihm entgegenkommen.

»Um aber noch etwas Positives zu sagen: Ich habe dich lange genug beobachtet, um zu wissen, dass du das Zeug dazu hast, selbst wenn es dir gerade noch nicht so vorkommen mag.«

Unweigerlich überhörte Medo das Kompliment, denn eine Frage drängte sich ihm auf: »Seit wann?«

Jack zog kurz beide Mundwinkel nach unten und zögerte. »Ich denke, es ist besser, wenn ich diese Frage nicht beantworte. Die Antwort könnte dich demotivieren.« Er lachte höhnisch auf.

»Also ich glaube, viel Spielraum ist da nicht mehr!«

»Mmmmh, doch! Ich möchte nicht, dass du wieder vor lauter Verzweiflung Balladen mitsingst. Das klang wirklich schrecklich! Versteh mich nicht falsch: Du kannst toll singen, aber diese Töne waren viel zu hoch für dich und da du nebenbei geweint hast, hast du diese nicht ansatzweise getroffen!«

Balladen? Das letzte Mal, dass er geweint hatte, war gut ein Jahr her – kurz nachdem er vom Tod seiner Mutter erfahren hatte.

Medo vergrub das Gesicht in den Händen. Was sollte da heute noch kommen? Der Tag hatte gerade eben erst begonnen und gehörte schon jetzt zu den schrecklichsten seines Lebens! Am liebsten wäre er zurück ins kuschelig warme Bett gekrochen und nie wieder aufgestanden. Ob Jack ihn wohl in Ruhe lassen würde? Vermutlich nicht.

Gab es denn gar keine andere Lösung? Er grübelte. Doch wie er es auch drehte und wendete – er kam immer wieder zu demselben Ergebnis. Entweder, er stellte sich sofort der Aufgabe, die der Poltergeist ihm auftrug, oder er würde so lange genervt werden, bis er schließlich doch einknickte. Jack war ja ohnehin tot und hatte daher alle Zeit der Welt, um sein Ziel zu erreichen. Er jedoch nicht. Also musste er wohl oder übel in den sauren Apfel beißen. Und wenigstens klangen dreizehn Geister nicht so viel. Vielleicht ging es schneller als gedacht.

»Na gut«, sagte Medo, nachdem er sich die Situation schöngeredet hatte, und sah in Jacks stechend blaue Augen. »Dann beantworte mir noch eine Frage: Woher weiß ich, dass du mich nicht verfluchst, sobald ich dir geholfen habe? Oder mich in einen Hinterhalt lockst, weil du insgeheim mit anderen Geistern zusammenarbeitest, um keine Ahnung was mit mir anzustellen?«

»Wissen kannst du es nicht. Aber warum sollte ich mir die Mühe machen, mit dir zu reden und zu versuchen, mich mit dir gutzustellen, wenn ich dir etwas Böses will?«

Jack schnalzte mit der Zunge. Das Geräusch hallte in Medos Ohren wider und wuchs schnell zu einem mittelschweren Schmerz heran. Er hielt sich die Ohren zu, was allerdings nichts brachte. Schwindel suchte ihn heim, der noch viel stärker war als der der vergangenen Nacht. Falls Jack damit seine Macht demonstrieren wollte, war es ihm vollkommen gelungen.

»Schon gut, schon gut!«, rief Medo, als er es nicht länger aushielt. Das Dröhnen verschwand, aber ein dumpfes Drücken blieb im Magen zurück. Er betrachtete das angebissene Toastbrot. Das würde er nun ganz sicher nicht mehr runterkriegen.

»Vielleicht glaubst du mir aber ja, wenn ich dir sage, dass ich dir einen Teil meiner Essenz zur Verfügung stellen muss, damit das alles funktioniert. Wir sind dann verbunden. Wird dir geschadet, schadet man auch mir. Und bevor du fragst: Es gibt Schlimmeres als den Tod.«

Medo plusterte die Backen auf und ließ die Luft stoßartig entweichen. Tatsächlich beruhigte ihn dies ein wenig – aber natürlich nicht vollkommen. Ihm blieb also wohl oder übel nichts anderes übrig, als auf Jacks Wort zu vertrauen. Auf das Versprechen eines Poltergeistes, der ihn jederzeit verfluchen konnte.

Plötzlich fiel Medo etwas ein.

›Moment mal. Was ist, wenn ich einen Pakt mit ihm eingehe und ihm dann nicht helfe? Er meinte ja nur, dass er mich verflucht, wenn wir den Pakt nicht knüpfen. Schadet er sich dann mit einem Fluch auch selbst?‹

Er musterte Jack ganz genau. Ob der wohl darauf spekulierte, dass er nicht so weit dachte?

»Nein«, meinte Jack und verschränkte die Arme.

Augenblicklich zuckte Medo zusammen. Konnte der Geist Gedanken lesen? Oder hatte er das gerade versehentlich laut ausgesprochen?

»Was meinst du mit nein?«, erkundigte sich Medo vorsichtshalber.

»Man konnte dir deine Gedanken quasi im Gesicht ablesen.«

Medo atmete langsam aus. Also waren seine Gedankengänge glücklicherweise weiterhin allein ihm vorbehalten. Machte die Sache allerdings gerade nicht besser.

»Falls du auf die Idee kommst, den Pakt anzunehmen, und dann doch nicht das zu tun, was du mir versprochen hast, mag das die erste Zeit noch gutgehen. Ich kann dir dann nicht ernsthaft schaden, wohl aber das Leben zur Hölle machen. Aber irgendwann werden sich höhere Mächte einschalten.« Jacks fieses Grinsen, das sich langsam zu einer gruseligen Fratze verzerrte, jagte Medo einen eiskalten Schauer über den Rücken. »Lass es mich so sagen: Es wäre sehr unangenehm für deine Seele.«

Beschwichtigend hielt Medo beide Hände vor sein Gesicht. Das hatte zudem den wunderbaren Nebeneffekt, dass er Jack so nicht mehr sah. Er spürte, wie seine Hände kälter wurden, und plötzlich trat das Gesicht des Geistes durch seine Handrücken hervor. Schlagartig zog Medo seine Hände zurück und kniff die Augen zusammen. Er wollte das nicht sehen!

Jack lachte laut, doch dann sagte er: »Schon gut, schon gut!«

»Nichts ist gut. Wenn ich einen Herzinfarkt bekomme, dann musst du dir jemand anderes suchen!«, fauchte Medo und verschränkte die Arme vor der Brust.

»In Ordnung. Du bist anscheinend wirklich ziemlich empfindlich, was das angeht. Künftig versuche ich, weniger gruselig zu sein.«

Medo fehlten die Worte. Empfindlich? Er biss die Zähne aufeinander und überlegte, wie er seinem Unmut Luft machen konnte, kam dann aber zu dem Entschluss, dass es ja ohnehin nichts brachte.

»Ja, das wäre super«, sagte er schließlich.

Jack nickte ihm zu. »Dann wollen wir mal weitermachen. Gehst du den Pakt mit mir ein?«

Medo atmete tief ein und zittrig aus. Zögerlich antwortete er: »Ja.«

Zum ersten Mal – wenn auch nur für einen Moment – sah Medo ein fast schon liebevolles Lächeln auf Jacks Lippen.

»So sei es.«

Der Geist legte beide Handflächen vor sich aufeinander und schloss die Augen. Bald schon bildete sich von dort ausgehend ein weißes Licht. Wie gebannt starrte Medo darauf. Je länger er in das Licht sah, desto ruhiger wurde er.

Dann begann Jack, seine Finger zu bewegen und mehrere Zeichen zu formen. Medo erinnerte dieses Vorgehen an Magier, die eine Zauberformel sprachen oder einen Bannkreis errichteten. Das Leuchten wurde stärker und breitete sich im Raum aus, bis es sie beide umhüllte. Er dachte, er würde in so einer mysteriösen Situation Angst verspüren, doch er war plötzlich die Ruhe selbst.

Jack hielt mit seinen Bewegungen inne und streckte eine Hand nach ihm aus. Er blinzelte verwirrt. Sollte er sie nehmen? Ehe er fragen konnte, schob Jack ihm einen Ring auf den Ringfinger. Danach ebbte das Licht ab.

»Damit wäre unser Pakt besiegelt.«

Medo schluckte und schaute auf den anthrazitfarbenen Ring an seiner rechten Hand. Er runzelte die Stirn. Er mochte keinen Schmuck, aber wenigstens fiel dieser hier kaum auf.

Hatte er es damit schon hinter sich? War das alles gewesen? Das bezweifelte er stark.

»Und jetzt?«, fragte Medo leise nach.

»Jetzt wollen wir dich für deine Mission vorbereiten. Sprich einfach: Holterdiepolter, Sternenstaub!«

Medo hielt kurz inne, dann prustete er. War das wirklich sein Ernst?

»Holterdiepolter, Sternenstaub?«, fragte er laut lachend nach.

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, wurde ihm fast unerträglich heiß. Ein Blick auf seinen Arm ließ ihn in Panik verfallen, schmolz seine Kleidung doch plötzlich und er stand nackt da. Intuitiv kauerte er sich zusammen und hielt beide Hände zwischen die Beine, während Jacks Lachen an seine Ohren drang. Er wollte ihn ansehen, doch die Sicht war verschwommen. Schwarze Sternschnuppen sausten buchstäblich um ihn herum und kamen dabei immer näher. Wie Bänder rollten sich die Sternenschweife erst um seinen Rumpf, dann folgten Arme und Beine, bis schließlich auch seine Füße und Hände komplett schwarz eingewickelt waren.

Auf einmal kam ein mysteriöser Wind von der Seite und wirbelte ihn einige Male um die eigene Achse, sodass ihm fast übel wurde. Seine langen Haare flogen ihm ins Gesicht und kribbelten an seiner Nase. Moment. Lange Haare? Seit wann hatte er lange Haare? Dann ebbte der Wind endlich ab und er kam zum Stillstand.

Als er dachte, alles sei vorbei, kam von irgendwoher etwas Großes angeflogen und traf ihn schmerzhaft mitten auf den Kopf. Wider Erwarten kippte er durch den heftigen Stoß nicht um, sondern fühlte sich so, als schwebte er über dem Boden. Wie durch Geisterhand hob sich sein linker Arm und er winkelte zugleich das rechte Bein an. In dieser Pose verharrte er.

Medo sah zu Jack, der sich beide Hände vor den Mund hielt. Peinlich berührt stellte Medo sich aufrecht hin. Zunächst dachte er, wie lächerlich er in dieser Haltung ausgesehen haben musste, dann aber kam ihm, dass das gerade seine kleinste Sorge war.

Schnell rannte er zum Ganzkörperspiegel im Bad und starrte schockiert hinein. Leider sah er trotz nun fehlender Brille alles klar und deutlich. Anstatt seiner Kleidung trug er ein seltsam anmutendes, schwarz-silbernes Outfit. Die hauteng anliegenden, kurzen Hosen sowie das T-Shirt wären noch zu verschmerzen gewesen – sogar die Armschienen und kniehohen Stiefel konnte er tolerieren. Aber das große Diadem auf seinem Kopf und der vom Hals bis zu den Knien reichende Überwurf, auf dem dreizehn Sternenumrisse prangten, waren definitiv zu viel des Guten.

Er raufte sich seine Haare, die ihm nun bis knapp bis zum Po reichten. »W! T! F!«

Jack schwebte heran und betrachtete ihn ebenfalls im Spiegel.

»Ich finde, es steht dir!«, meinte der, wobei Belustigung in seiner Stimme mitschwang. »Betont deine Figur!«

Medo war dagegen überhaupt nicht zum Scherzen zumute.

»Wenigstens nicht pink«, presste er heraus und brachte Jack damit nur noch mehr zum Lachen. Er deutete auf das Diadem. »Aber das Ding geht wirklich überhaupt nicht.«

»Andere würden sich über solch ein Schmuckstück freuen!«

 


 

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