Kaffee ist mein Treibstoff

Sandra quälte sich aus dem Bett – eine der vielen Konstanten in ihrem Leben. Sie schleifte sich ins Bad, ging duschen und föhnte im Anschluss ihre Haare. Als Sandra auf die Uhr sah, bemerkte sie, dass sie mal wieder viel zu spät dran war. Fluchend zog sie sich an, warf sich ihre Jacke über, packte ihre Handtasche und spurtete aus dem Haus. Kaum hatte sie die Straße betreten, machte ihr Magen sich mit einem Grummeln bemerkbar.

›Wenn ich mal rechtzeitig aufstehen würde, könnte ich auch noch zu Hause frühstücken‹, rügte Sandra sich in Gedanken. Glücklicherweise ging sie an ihrer Lieblingsbäckerei vorbei. Sie bestellte das Übliche: zwei belegte Käsebrötchen und Coffee to go. Nachdem sie ihr Essen sicher in der Handtasche verstaut hatte, nahm sie den Mehrwegbecher von der Theke, verabschiedete sich und setzte ihren Arbeitsweg fort.

Dampf stieg auf, als Sandra den Behälter öffnete. Vorsichtig lief sie weiter, während sie darauf wartete, dass der Kaffee ein wenig abkühlte. An der Ampel stehend, sah sie sich um. So wie sie waren viele Menschen gerade auf den Weg zur Arbeit. Moderne Zombies – Angestellte, auf dem Weg ins Büro, vor ihrer ersten täglichen Dosis Koffein.

Das Signallicht änderte die Farbe und sie ging weiter. Endlich stieg weniger Dampf aus dem Becher, sodass sie einen Trinkversuch wagte. Vorsichtig nippte sie am Kaffee, der auf die optimale Temperatur abgekühlt war. Nun hieß es nur noch: Trinken, bis die bittere Flüssigkeit endlich ihre Wirkung erzielte.

Einen Moment blieb Sandra vor dem Unternehmen stehen, in dem sie angestellt war und atmete noch einmal tief durch. Dann stieg sie die Treppen hinauf und betrat das Forschungsgebäude der ICA, einer Organisation, die sich mit Weltraumforschung beschäftigte. Die Frau am Empfang grüßte sie überschwänglich. Sie zwang sich zu einem Lächeln, während sie den Gruß erwiderte. So viel Energie und gute Laune am Morgen – anstrengend!

Sandra trat in den Umkleideraum, zog sich um und verschloss ihre Handtasche im Spint. Die Glocken der nahe gelegenen Kirche läuteten – 8 Uhr. Sie hatte es also noch pünktlich geschafft. Mit ihrem inzwischen leeren Kaffeebecher in der Hand betrat sie das Labor. Normalerweise waren Getränke nicht gerne gesehen, aber da sie leitende Angestellte war, oblag es ihrer Entscheidung. Und ihrem Team Koffein zu verwehren? Sie war zwar streng, aber kein Monster.

Sie grüßte die anwesenden Mitarbeiter routiniert, zog ihren Kittel an und nahm sich eine Tasse Kaffee. Dann setzte sie sich an ihren Schreibtisch, auf dem einige Glaskolben standen. Derzeit beschäftigte sie sich mit der Effektivitätssteigerung von Raketentreibstoff. Dieses Projekt kostete sie noch den letzten Nerv! Sie blätterte durch ihre Unterlagen und versuchte, sich daran zu erinnern, welches Thema sie vor dem Wochenende begonnen hatte. Nachdem sie sich den Arbeitsstand ins Gedächtnis gerufen hatte, träufelte sie eine kleine Menge eines selbstgemischten Reagenzes in die Petrischale. Sie schaute sich nach dem Deckel der Schale um, den sie schließlich auf dem Automaten am anderen Ende des Zimmers fand.

›Sandra, du musst endlich lernen, Ordnung zu halten!‹, ermahnte sie sich selbst. Mit einer Hand nahm sie die geöffnete Schale, mit der anderen die Tasse Kaffee, aus der sie einen Schluck nahm. Sie stieß sich vom Tischbein ab und rollte mit ihrem Bürostuhl zum Automaten. Nur mit Mühe schaffte sie es, vor dem Gerät zum Stehen zu kommen. Durch das abrupte Abbremsen schwappte etwas Kaffee aus der immer noch gut gefüllten Tasse. Sie begann lauthals zu fluchen, als die warme Flüssigkeit durch ihre Hose sickerte. Sie rollte ein Stück zurück, wobei sie mit ihrem Schuh in eine kleine Kaffeepfütze trat und den Kaffee so nur noch mehr verteilte. Wutentbrannt stand sie auf, stellte Tasse und Petrischale auf dem Schreibtisch ab, und trampelte zur Putzkammer. Die Blicke ihrer Mitarbeiter entgingen ihr nicht – doch keiner sagte auch nur ein Wort oder bot seine Hilfe an. Sie hatten aus den vorherigen Malen offensichtlich gelernt, dass man sie keinesfalls auf einen Fehler ansprechen sollte, wenn man es nicht auf ein Wortgefecht anlegte.

Nachdem sie geputzt und den Mopp zurückgestellt hatte, setzte sie sich wieder an ihren Schreibtisch. Dabei fielen ihr kleine Lichtblitze auf, die aus der Petrischale hüpften. Sie runzelte die Stirn und sah sich die Sache genauer an. Ein Tropfen Kaffee hatte sich mit dem Testreagenz vermischt. Es schien, als kämpften beide Flüssigkeiten um die Vorherrschaft – es flogen buchstäblich die Funken.

»Interessant«, murmelte sie und wartete gespannt ab, bis sie keinerlei sichtbare Reaktion mehr vernahm. Sie sah auf die Uhr. »Drei Minuten.«

Ihr Herzschlag beschleunigte sich, ihr ganzer Körper schien zu kribbeln. Ihr war, als hätte sie zu viel Koffein zu sich genommen. Ihre Gedanken rasten. Was war gerade passiert? War das ein Zufall? Das musste sie überprüfen! Schließlich war sie Wissenschaftlerin und nun motiviert, wie schon seit Monaten nicht mehr.

Sie nahm eine neue Petrischale, träufelte ihr Testreagenz hinein und anschließend einige Tropfen von dem Kaffee. Als die erwünschte Reaktion einsetzte, eilte sie zum Mikroskop und warf einen Blick auf die brodelnde Substanz. Sie riss beide Arme nach oben. War das womöglich der Durchbruch, nach dem sie sich schon so lange sehnte?

Hastig traf sie Vorkehrungen, um weitere Analysen durchzuführen. Während der Automat hinter ihr ratterte, tippte sie ihre Kündigung.

~*~

Mit zur Seite gestreckten Armen ging Sandra an den Stuhlreihen und den anwesenden hohen Persönlichkeiten vorbei. Politiker, Könige, Schauspieler – alle warteten nur auf sie. Immerhin hatte sie etwas im Namen ihres neu gegründeten Unternehmens zu verkünden. Sie blickte zur großen Bühne, auf der sie gleich ihre Rede halten würde. Die Aufmerksamkeit genoss sie mehr, als sie jemals gedacht hatte. Sie hatte sie sich aber auch verdient, nachdem sie den effizientesten Raketentreibstoff der Menschheitsgeschichte entwickelt hatte!

Die Menge tuschelte, und als Sandra »Ich hab sie mir ganz anders vorgestellt. Sie sieht ja so gewöhnlich aus« hörte, blieb sie stehen. Sie fixierte den älteren Mann, dessen Glatze das Scheinwerferlicht reflektierte und dem sein Anzug mindestens eine Nummer zu klein war. Wie konnte dieser Kerl sich bloß anmaßen, so über sie zu reden? Sie wandte sich zu ihren Bodyguards und deutete auf den Mann, der sichtlich zusammenzuckte. Ihm wich die Farbe aus dem Gesicht und sogleich begann er, sich zu entschuldigen. Doch es kümmerte sie nicht. Wer auch immer dieser Typ war – das hier war ihr Abend. Und keiner der Anwesenden sollte es sich mit ihr verscherzen. Sie sah dabei zu, wie die Bodyguards den zeternden Mann entfernten.

Ein Lächeln zierte ihre Lippen, als sie ihren Weg zur Bühne fortsetzte. Langsam stieg sie die Treppen nach oben und stellte sich an das Podium. Die Scheinwerfer, die auf die Zuschauerplätze gerichtet waren, erloschen, und die Bühne erstrahlte in hellem Licht. Nun waren endgültig alle Augen auf sie gerichtet. Auf den riesigen, aneinandergereihten Bildschirmen hinter ihr erschien die erste Folie ihrer Präsentation.

»Herzlich willkommen hier bei K-Ex. Mit Sicherheit haben Sie sich bereits mithilfe der zahlreichen Dokumentationen und Berichte von der beeindrucken Effektivität meines Raketentreibstoffes überzeugt.«

Förmlichkeiten sparte sie sich. Schließlich war Zeit Geld. Und sie wusste, alle wollten etwas von ihr – und nicht sie von ihnen. Hinter ihr erschien ein Mosaik von verschiedenen Reportagen und Nachrichtensendungen aus allen Ländern, die über eines berichteten: K-Ex.

»Die Zusammensetzung ist selbstverständlich ein Betriebsgeheimnis und existiert nur hier.« Sandra tippte einige Male gegen ihren Kopf. »Jeder Liter K-Ex wird eigenhändig von mir angefertigt und mit Substanzen angereichert, die die Analyse der Bestandteile nahezu unmöglich machen. Sie sollten sich also keine Hoffnungen machen, dass sie auf eine andere Weise an meinen Wundertreibstoff herankommen könnten!«

»Dank meiner Entwicklung ist es uns möglich, Ressourcen von weit entfernten Kometen und Planeten abzubauen. Die Zeit, in der die Menschheit lediglich auf der Erde verweilt, wird bald vorbei sein! Dank K-Ex wird es möglich, Kolonien auf anderen Planeten zu errichten, dort zu leben und zu arbeiten – und für einen Wochenendbesuch innerhalb weniger Stunden zur Erde zurückzukehren.« Das Publikum jubelte, hunderte Hände wurden nach oben gestreckt. Ein wunderbares Gefühl! »Und Sie, werte Anwesende, können von K-Ex profitieren. Die zehn meistbietenden Länder erhalten die Möglichkeit, meinen Treibstoff zu kaufen. Wenden Sie sich bitte an die Mitarbeiter meiner Firma für die Abgabe der Gebote. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend!«

Das Gelächter ebbte schlagartig ab und ging in ein Raunen über, als sie die Bühne verließ. Noch während sie nach draußen ging, sprachen sie Reporter von allen Seiten an, hielten ihr Mikrofone entgegen und schossen Fotos von ihr. Mit hoch erhobenem Haupt und mit stolzgeschwellter Brust schritt sie voran und überließ die neugierige Meute ihren Bodyguards.

›Bald schon bin ich nicht nur die mächtigste Frau auf Erden, sondern auch die reichste.‹

~*~

Sandra nutzte die Zeit, um ihre neue Freundin Sylvia bei einem langen Luxusurlaub besser kennenzulernen. Sie ließen es sich gut gehen, nichts war ihr zu teuer für ihre Angebetete. Den Spruch Geld macht nicht glücklich hatte sie noch nie verstanden – das Geld an sich mochte nicht besonders sehenswert sein, aber die Lebensqualität und die Sorglosigkeit, die es mit sich brachte, führten definitiv zu Glücksgefühlen. Vor einem halben Jahr hatte sie noch nicht einmal im Traum daran gedacht, dass sie bald kostspielige Delikatessen auf ihrer eigenen kleinen Jacht zu sich nehmen würde.

Was ihr besonders gefiel, war die Anwesenheit Sylvias. Allein hätte sie sich nie derart fallenlassen können. Es war schön, zu wissen, dass da jemand war, der all das mit ihr teilte. Was ihr dabei besonders imponierte, war Sylvias Bitte, doch nicht so viel Geld für unnötige Dinge auszugeben. Es war ihr sichtlich unangenehm – für Sandra in dieser Situation ein gutes Zeichen. Immerhin bedeutete dies, dass Sylvia vermutlich nicht nur wegen ihres Reichtums bei ihr war. Sicher wissen konnte sie das natürlich erst, wenn einige Zeit vergangen war – und solange würde sie keine Rechnung bezahlen, die sie nicht auch für eine Freundin übernommen hätte.

Alle drei Tage sah Sandra auf ihrem Smartphone nach eingegangenen E-Mails und Nachrichten, die sie oder ihr Unternehmen betrafen. Die Begeisterung über ihre Erfindung war groß, nur wenige Kommentare auf diversen Webseiten las sie mit Stirnrunzeln. Auf was für absurde Verschwörungstheorien manche Leute kamen – unfassbar! Zum Kichern brachten sie Nachfragen, wie man denn Mitarbeiter bei ihr werden könne. Als ob sie die geheime Mixtur jemals herausrücken würde! Lieber produzierte sie selbst und dafür weniger, als das Geheimnis einer zweiten Person anzuvertrauen. Davon abgesehen, hatte dieses Vorgehen auch den schönen Nebeneffekt, dass der Marktpreis konstant hoch bleiben würde. Was wollte sie mehr?

Kaum dachte sie dies, umarmte Sylvia sie und drückte ihr mehrere Küsse auf die Wange, streichelte über ihre Seiten.

»Willst du das Ding nicht endlich mal weglegen? Wir haben nur noch drei Tage, bevor du zur Eröffnung des Hauptfirmensitzes musst. Die möchte ich unbedingt mit dir genießen!«

»Moment, ich lese nur noch ku-«

Sylvia brachte sie mit einem Kuss zum Schweigen und nutzte die Ablenkung, um ihr das Smartphone wegzunehmen und es auf dem Nachttisch abzulegen. Sie beschloss, dass sie nun Feierabend hatte, und zog ihre Freundin hastig auf sich.

~*~

Als Sandra aus der Limousine stieg, wurde sie mit Buhrufen empfangen. Die Menge hielt Kartonschilder nach oben auf denen stand: keine Macht K-Ex. Für einen Moment runzelte sie die Stirn. In den Medien hatte es nicht den Anschein gemacht, als brächte man ihr oder ihrem Produkt sonderlich viel Abneigung entgegen. Sie seufzte. Wahrscheinlich waren einige, die heute nichts Besseres zu tun hatten, irgendeinem Aufruf im Internet gefolgt. Solange sie nur Schilder nach oben hielten, konnte es ihr egal sein. Die beiden hochgewachsenen Bodyguards an ihrer Seite nahmen ihr die Sicht auf die Masse und umgekehrt – aber das war nicht weiter tragisch. Die Fotografen standen weiter vorne und hatten freies Sichtfeld. Sie lächelte in das Blitzlichtgewitter, ignorierte neugierige Reporteranfragen und ging langsam ins Gebäude. Dort sah sie sich um. Wie modern es jetzt nach dem Umbau war! Die Glasfassade des Gebäudes ließ genügend Licht ein, die simple schwarz-weiße Einrichtung sah genauso aus, wie sie sich es vorgestellt hatte, und zwei Damen nickten ihr von hinter dem Empfangstresen zu. Sie machte sich nicht die Mühe, den Gruß zu erwidern, sondern ging direkt zum Aufzug, mit dem sie in das oberste Stockwerk des K-Ex-Hochsicherheitsgebäudes fuhr.

Ihr Büro ließ keinen Zweifel daran, wie gut das Geschäft lief. Im Nachhinein hätte sie auf einige Blattgoldverzierungen verzichten können, aber sie fand, dass es gut zum Kaffeebraun des Mobiliars passte. Sie schmunzelte. Diese Farbe musste einfach sein – immerhin verdankte sie es dem Kaffee, dass sie nun hier war. Jedes Mal, wenn sie dieses Zimmer betrat, würde sie daran erinnert werden und keiner ihrer Besucher hätte auch nur die leiseste Ahnung, wie nah die Lösung für ihre Geheimrezeptur doch lag.

Sandra setzte sich auf ihren neuen Lederstuhl und drehte sich einige Male um die eigene Achse. Sie sah abwechselnd die Einrichtung ihres nagelneuen Büros, und die Skyline New Yorks immer wieder an sich vorbeiziehen. Ein Büro wie dieses hatte sie sich schon ihr ganzes Leben lang gewünscht – und endlich hatte sie bekommen, was sie verdiente.

Plötzlich vibrierte ihr Smartphone. Sie brachte den Stuhl zum Stillstand und hielt sich sofort an der Tischkante fest, da sie Schwindel heimsuchte. Schnell griff sie nach dem Handy. Ein breites Grinsen schlich auf ihre Lippen, als sie den Namen Sylvia las. Sie nahm den Anruf an und lehnte sich im Stuhl zurück.

»Hallo mein Schatz. Schön, dass du anrufst!«

»Hallo Mäuschen. Ich habe tolle Neuigkeiten für dich, die Höchstgebote gehen weit über das hinaus, was wir uns erhofft hatten. So, wie es aussieht, kannst du das Gebäude mit einem Schlag abbezahlen und dir noch vier weitere leisten.«

Sandras Puls erhöhte sich augenblicklich. Hatte sie gerade richtig gehört? Sie wechselte die Hand, in der sie ihr Smartphone hielt, um die feucht gewordene Handfläche an ihrer Hose trocken zu reiben.

»Ist das dein Ernst?«

»Ja, mein voller Ernst!«

Sylvia entwich ein freudiges Quietschen. Wie schön es war, das alles mit dieser wunderbaren Frau teilen zu können!

»Dann würde ich sagen: Ich mach jetzt früher Schluss und wir gehen auf Haussuche. Was hältst du davon?«

»Wirklich? Das wäre so schön! Ich liebe dich!«

»Ich dich auch, bis gleich!«

Sandra biss auf ihre Unterlippe und ließ das Gespräch Revue passieren, während sie ihr Smartphone fest an ihre Brust presste. Sie betrachtete gedankenversunken ihre Tasse auf der stand: Müde von der Nacht, müde vom Alltag – Kaffee hilft!

~*~

Als Sandra und Sylvia das Büro des Notars verließen, strahlte die Sonne und spiegelte damit deren gute Laune wider.

»Wer hätte gedacht, dass ich einmal in einer Villa mit acht Schlafzimmern wohnen würde, die direkt am Strand liegt und trotzdem noch einen riesigen Pool hat. Das ist der Wahnsinn!«, rief Sylvia und fiel ihr um den Hals. Sie schlang ihre Arme um sie und drückte sie fest an sich. Es war wie ein Traum! Und das alles nur wegen eines kleinen Missgeschickes.

Sylvia drückte ihr einen Kuss auf die Lippen und ließ dann von ihr ab. Gemeinsam schlenderten sie durch die streng bewachten Straßen ihrer neuen Heimatstadt. Als Sylvia stehen blieb und eine Hand auf ihren Mund schlug, während sie eine junge Dame auf der gegenüberliegenden Straßenseite ansah, schaute Sandra sie verdutzt an. Was war denn nun los? Musste man diese Person kennen?

»D-das ist do-«

Plötzlich verfinsterte sich der Himmel über ihnen. Sie legten ihre Köpfe in den Nacken und starrten hinauf. Nicht eine Wolke war zu sehen. Dann sahen sie, was die Dunkelheit hervorrief: eine riesengroße Scheibe. Was war das? Es sah aus wie ein Raumschiff aus einem Science-Fiction-Film. Aber das war unmöglich!

Sandra drückte Sylvia fest an sich, während sie beide weiter wie versteinert dastanden. Ein rotes Licht schien wie ein Scheinwerfer auf sie hinab. Der vom Raumschiff erzeugte Wind sorgte um sie herum für heilloses Chaos, wirbelte Stühle und Tische der Cafés durcheinander und schubste Passanten gegen die nächstgelegene Hausfassade. Dächer wurden abgedeckt, sodass Anwohner schreiend ihre Häuser verließen. Aber Sandra stand da und konnte sich nicht rühren. Sie hatte keine Angst, die sie rational gesehen hätte haben müssen – im Gegenteil. Dieses Licht ließ sie die Ruhe selbst sein.

Sylvia zerrte an ihrem Arm, aber sie ignorierte es. Auch auf die verzweifelten »Wir müssen weg von hier«-Schreie ihrer Freundin reagierte sie nicht. Es interessierte sie nicht. Stattdessen hatte sie nur noch einen Gedanken, so absurd dieser auch klang. So, wie es aussah, war man auch außerhalb des Planeten Erde auf ihren Treibstoff aufmerksam geworden. Anders konnte sie sich nicht erklären, warum ausgerechnet sie von dem Scheinwerfer eines Raumschiffs angeleuchtet werden sollte. Sie lächelte, drehte sich einige Male im Kreis. Wie schön das Leben doch war!

Auf einmal stand eine große, schlanke Gestalt vor ihr, die sich mit ihrem schwarzen, von Zacken übersäten Körper zu ihr hinunterbeugte. Fasziniert musterte sie das Wesen, das sie ebenso begutachtete. Sie stand noch immer seelenruhig da, ließ sogar wortlos über sich ergehen, wie ihr der Außerirdische eine seiner sechs tentakelähnlichen Gliedmaßen auf den Kopf legte.

»Du hast also das Wissen«, gab das Geschöpf mit einem gurgelnden Geräusch von sich. Sandras Herz machte einen Satz. Sie hatte also recht! Es ging hier um ihren Treibstoff! Ein Kribbeln durchflutete ihren Kopf. Ob es wohl ihre Gedanken las? Selbst wenn, es war eine Ehre! »Das ist also die Rezeptur. Ihr niederen Kreaturen solltet nicht so weit ins All reisen, bleibt hier auf eurem Planeten.«

Dann wurde es schwarz um sie herum.

~*~

Als Sandra erwachte, saß Sylvia an ihrer Seite und drückte ihre Hand.

»Du bist wach, zum Glück!«, sagte ihre Freundin und strich sich eine Träne aus dem Augenwinkel. »Ich hatte solche Angst um dich. Du bist plötzlich zusammengebrochen!«

Sie schaute sich um. Die weiße, sterile Einrichtung ließ keinen Zweifel daran, dass sie in einem Krankenhaus war. Wenn sie sich richtig erinnerte, dann war sie zuletzt doch mit Sylvia unterwegs gewesen. Sie runzelte die Stirn und versuchte, sich das Vergangene ins Gedächtnis zu rufen. Ja, sie waren beim Notar, sind dann durch ihre neue Heimatstadt gelaufen und anschließend … Schwindel ergriff sie, krampfhaft hielt sie sich an der Bettdecke fest.

»Da war ein Raumschiff! Weißt du nicht mehr? Es hat die ganze Straße verwüstet. Und dann hat dieses Ding eine Hand, oder wie auch immer man das nennt, auf meinen Kopf gelegt. An das, was danach geschah, erinnere ich mich nicht mehr«, presste Sandra heraus.

Sylvia stand die Verwirrung ins Gesicht geschrieben.

»Wovon redest du? Du hast sicher schlecht geträumt.«

Sandra hielt sich den Magen. Ihr war schlecht. Aber wem wäre in solch einer Situation nicht übel geworden? Sylvia strich ihr beruhigend über den Rücken.

»Das war kein Traum. Es hat mit mir geredet«, murmelte sie, nachdem sich der Druck in ihrem Magen ein wenig gelegt hatte. »Sinngemäß hat es gesagt, wir Menschen sollen auf unserem Planeten bleiben.«

»Du hast schlecht geträumt, da war kein Raumschiff. Es gibt keine Außerirdischen, Liebes.«

»Ich … « Sandra setzte sich ruckartig auf, krallte sich in die Decke und biss auf ihre Unterlippe. »Scheiße! Mein Geheimrezept!«

Sie kniff die Augen zusammen, überlegte angestrengt, doch ihr war die Rezeptur entfallen. Eine Träne rann über ihre Wange.

»Nein, nein, nein, nein«, murmelte sie wie ein Mantra vor sich hin, schlug sich dann zweimal gegen den Kopf. »Das kann nicht sein!«

Sylvia hielt ihre Hand fest, packte sie dann an den Oberarmen und schüttelte sie.

»Was ist los?«

»Ich habe das Rezept vergessen!«

Die Besorgnis und Verwirrung in Sylvias Blick war blankem Ernst gewichen.

Sie schluckte, starrte auf die Bettdecke. Keinesfalls konnte sie Sylvia noch länger in die Augen sehen. Das würde sie nicht verkraften. Dann spürte sie wieder eine Hand auf ihrer. Vorsichtig schaute sie auf, Sylvia lächelte.

»Das fällt dir sicherlich wieder ein. Das ist nur der Schock.«

Zärtlich strich Sylvia ihr über die Stirn, drückte ihr dann einen zarten Kuss auf die Lippen. Der Schock saß ihr zwar noch immer in den Knochen, aber zumindest fühlte sie sich dahingehend erleichtert, dass sie nicht allein war. Sie hatte Sylvia.

»Ruh dich aus. Es muss dir einfach wieder einfallen«, sagte Sylvia dann und jedes Gefühl von Trost war verschwunden. »Ich hole dir was zum Trinken.«

Sylvia ging aus dem Zimmer und ließ Sandra mit ihren Gedanken allein.

~*~

»Du bist so eine Versagerin!«, brüllte Sylvia, nahm ihren Koffer und stampfte aus der Villa.

Sandra wusste nicht, wie ihr geschah. War das wirklich ihre Sylvia, die sich so verhielt? Niemals hätte sie gedacht, dass ihre Beziehung so leicht zu zerstören wäre. War sie tatsächlich so oberflächlich und die ganze Zeit nur wegen ihres Erfolgs an ihr interessiert gewesen? Sie wollte es verneinen und doch sah sie, wie Sylvia in ihren Sportwagen stieg und beim Anfahren den Schotter aufwirbelte.

»Im Gegensatz zu dir habe ich wenigstens mal etwas erreicht!«, rief sie ihr hinterher, obwohl sie wusste, dass sie das nicht mehr hörte.

Sie ließ sich zu Boden sinken und begann zu weinen. Aus dem Augenwinkel sah sie einige Briefe auf dem Boden liegen, die der Postbote durch den Briefschlitz geschoben hatte und die vermutlich von Sylvia zur Seite getreten worden waren. Sie nahm einige davon in die Hand und betrachtete die Absender: Anwalt, Staatsanwaltschaft, Anwalt, Anwalt, deutsche Botschaft, Kreditinstitut. Als hätte sie sich eine Brandwunde zugezogen, warf sie die Briefe schnell wieder zurück auf den Haufen. Sie zog die Beine an und legte ihre Stirn auf den Knien ab, bevor sie ihren Gefühlen freien Lauf ließ.

Wie lange sie dort saß, wusste sie nicht. Sie hatte jegliches Zeitempfinden verloren, aber der eintretenden Dunkelheit nach zu urteilen, war es bereits spät am Abend. Langsam rappelte sie sich auf und schleppte sich zur Küche, um sich ein Glas Wasser einzuschenken. Ihre Nebenhöhlen schmerzten und ihre Augen brannten, aber wenigstens half das Getränk gegen den trockenen Hals und das Gefühl der Dehydrierung. Die Kopfschmerzen, die sie schon seit einer Weile hatte, würden davon sicherlich nicht verschwinden, daher nahm sie eine Tablette.

›Das Leben geht weiter‹, sagte sie sich, während sie sich ins Wohnzimmer schleppte. Sie warf sich aufs Sofa und schaltete den Fernseher ein. ›Ich brauche keine Sylvia, um glücklich zu sein!‹

Sie zappte durch die Sender und grummelte vor sich hin, da überall Sondersendungen zu laufen schienen. Schlechte Nachrichten hatte sie schon genug für heute! Schließlich gab sie auf und hörte sich an, was es denn so Dringendes zu verkünden gab. Ihr stockte der Atem.

»Ich stehe hier vor einer Kaffeeplantage in Brasilien«, berichtete die Außendienstkorrespondentin und ging ein Stück zur Seite, damit die Kamera besser einfangen konnte, was hinter ihr passierte. »Wie sie sehen, ernten die Bauern die Kaffeebohnen von den Pflanzen, die noch nicht von der seltsamen Krankheit befallen wurden. Noch gibt es keine Hinweise, was die Ursache für dieses Phänomen ist. Wir sind zuversichtlich, dass es bald Neuigkeiten gibt, um das Aussterben dieser Pflanzen zu verhindern und resistente Setzlinge heranzuziehen.«

Mit weit aufgerissenen Augen starrte Sandra auf den Bildschirm. Sämtliche Pflanzen waren schwarz verfärbt und fielen in sich zusammen, als wären sie von innen heraus verbrannt. Sie begann zu zittern. Kaffee. Natürlich, Kaffee war die Geheimzutat ihres Treibstoffs! Doch diese Erkenntnis freute sie keineswegs. Sie schrie, raufte ihre Haare und schlug um sich. Das konnte nicht sein! Das durfte nicht sein! Sie packte die Fernbedienung und warf sie auf das Display, das sofort zersplitterte.

Langsam dämmerte ihr, dass sie Schuld am Absterben der Kaffeepflanzen trug. Auch wenn ihr niemand Glauben schenkte, war sie sich sicher, Außerirdischen begegnet zu sein – und die hatten ihr eine deutliche Botschaft geschickt. Und die gesamte Menschheit würde nun die Konsequenzen tragen müssen. Sie kauerte sich auf dem Sofa zusammen.

~*~

Ohrenbetäubendes Piepsen riss Sandra aus dem Schlaf. Sie wälzte sich herum und haute auf den Wecker, der sogleich verstummte. Langsam setzte sie sich auf und verharrte einen Moment, bevor sie sich über die Bettkante schob, um aufzustehen. Sie sah an der schimmeligen Wand vorbei nach draußen. Es war noch dunkel. Sie seufzte, ging in die Küche und setzte Tee auf. Wenigstens war sie diesmal nicht zu spät dran. Ihr neuer Vorgesetzter legte Wert auf Pünktlichkeit und sie wollte ihn nicht enttäuschen. Sie machte sich nichts vor: Sie hatte Glück, trotz ihres Namens, der nun weltweit mit schlechter Presse und Insolvenzverfahren in Verbindung gebracht wurde, eine Stelle in ihrem alten Beruf gefunden zu haben.

Sie setzte sich an den Tisch, als ihre Sicht sich plötzlich trübte. Eilig wischte sie sich die Tränen aus den Augen. Keinesfalls durfte sie jetzt an früher denken, als sie zusammen mit Sylvia auf der Terrasse ihrer Villa frühstückte – mit einer guten Tasse Kaffee. Sie wusste nicht, was sie mehr vermisste: den Reichtum, den Kaffee oder jemanden, mit dem sie ihr Leben teilte.

Als der Schwarztee gezogen war, nahm sie sich davon. Sie starrte auf das Gefäß in ihren Händen. Früher hatte sie nur ihre Arbeit und ihre tägliche Dosis Koffein – mehr hatte sie zum Glücklichsein nicht gebraucht. Zuversicht keimte in ihr auf. Von so einem Rückschlag ließ sie sich nicht aufhalten! Sie war jung und hatte noch so viele Jahre vor sich. Irgendwann fand sie die Richtige, die auch wirklich an ihr und nicht an ihrem Geld interessiert war. Und wenigstens wurde sie bis dahin immer noch jeden Morgen von einem Lächeln empfangen: das aufgedruckte Gesicht auf ihrer Kaffeetasse.

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