Magical Man Medo – Happy Halloween

Anmerkung der Autorin: Achtung, diese Geschichte spoilert das Ende des Buches „Magical Man Medo“!

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Tod (erwähnt)

Medo lag schon seit einer ganzen Weile wach im Bett, weigerte sich aber, die Augen zu öffnen, geschweige denn aufzustehen. Er drehte sich auf den Rücken, da hörte er ein Scheppern, gefolgt von Jacks lautem Fluchen, das wohl beides aus der unteren Etage kam. Aufmerksam lauschte er und versuchte, zu erkennen, was Jack denn da trieb. Das klang zweifellos nach Metall, dann Keramik … kochte Jack etwa? Das machte er nur, wenn er wirklich Lust dazu hatte oder etwas Besonderes anstand. Medo überlegte kurz, welcher Tag heute war, und als es ihm einfiel, schlich sich ein Lächeln auf sein Gesicht.

Nun bequemte er sich doch, wenigstens einen Blick auf die Uhr zu werfen. Es war bereits kurz vor 12 Uhr und heute war Halloween. Seit Wochen lag Jack ihm damit in die Ohren, dass er abends verkleidet mit ihm Süßigkeiten verteilen und dann um die Häuser ziehen wollte, um im Anschluss in den ersten Jahrestag seines neuen Lebens hinein zu feiern.

›Er ist wirklich schon fast ein Jahr wieder lebendig‹, dachte Medo und verspürte plötzlich den Drang, doch endlich aufzustehen. Langsam setzte er sich auf und schaute aus dem Fenster. Graue Wolken bedeckten den Himmel und er hoffte sehr, dass der Regen ausblieb oder zumindest zum Abend hin wieder endete. Nur ungern wollte er bei schlechtem Wetter raus – und zu Hause bleiben war heute nicht einmal für ihn eine Option.

›Vielleicht können wir ja wieder zum Friedhof laufen.‹

Erneut erklang Scheppern von unten. Er schmunzelte. Besser, er ging nach unten, bevor Jack noch aus lauter Verzweiflung die Küche zerlegte. So stand er auf und trottete in seinen Plüschlatschen, die an ein grünes Tentakelmonster einer seiner Lieblingsvideospielreihen erinnerten, in das darunterliegende Stockwerk.

Medo lehnte sich an den Türrahmen und beobachtete eine Weile, wie Jack durch die Küche hetzte und offensichtlich versuchte, mehrere Dinge gleichzeitig zu machen. In der Pfanne brutzelte etwas, das verdächtig nach Pfannkuchen roch, das Licht im noch leeren Ofen war an und wartete auf das, was er erhitzen sollte, und dann waren da noch die vielen Schneidebretter, auf denen zum Teil geschnittene Kartoffeln lagen, und Schüsseln, die vermutlich ebenfalls etwas beinhalteten. Einen Moment lang bekam Medo Mitleid mit Jack, der ihn noch immer nicht bemerkt hatte, aber dann fiel ihm ein, dass der sich die Sache ja selbst eingebrockt hatte. Andererseits wollte er das ganze Essen ja nicht für sich alleine zubereiten … Medo seufzte leise. Besser, er half Jack bei den Vorbereitungen.

Als Jack die Schüssel abgestellt hatte und grübelnd dastand, nutzte Medo die Gelegenheit und schlang seine Arme von hinten um seinen Freund. Er spürte, wie Jack zusammenzuckte, ließ ihn aber nicht los, sondern küsste ihn auf den Hinterkopf. »Mahlzeit, du Radaumacher«, grüßte er ihn.

»Scheiße, hab ich dich geweckt?«, fragte Jack. Nach einer kurzen Pause murrte er. »Ja, klar habe ich dich geweckt. Ich bin so laut. Tut mir leid.« Jack drehte sich um, damit er die Umarmung erwidern konnte. »Heute klappt nichts so, wie es soll!«

Medo strich Jack über den Rücken, bevor er zweimal darauf klopfte. »Wobei kann ich dir denn helfen?«, erkundigte er sich dann – dass es bei diesem Durcheinander irgendetwas geben musste, dass er übernehmen könnte, stand außer Frage.

»Äh.« Jack sah hinüber zur Arbeitsplatte, auf der gefühlt (oder vielleicht auch tatsächlich) der halbe Kühlschrankinhalt stand. »Such dir gern was aus, wenn du möchtest.«

Medo entging nicht, dass Jack ein wenig traurig dreinblickte, und fragte daher: »Alles okay?«

Daraufhin seufzte Jack laut auf und setzte sich schwungvoll auf einen der Küchenstühle, der ein gequältes Knarzen von sich gab.

»Ich wollte dich mit einem fertigen Essen überraschen und vorher noch einen Kuchen backen.« Er rümpfte die Nase. »Dachte nicht, dass ich dabei so ein Durcheinander verursache.«

Medo schaute noch einmal zur Küchenzeile und drehte bei dieser Gelegenheit eine Herdplatte aus, die unnötigerweise lief – denn darauf stand überhaupt nichts. Zudem schob er die Pfannkuchen zur Seite, die bereits etwas angebrannt rochen. Wenn er sich das ganze Ausmaß des Chaos so ansah, fiel es ihm schwer, zu glauben, dass das lediglich ein Essen und ein Kuchen werden sollte, verkniff sich aber einen entsprechenden Kommentar, damit Jack sich nicht noch schlechter fühlte. ›Wer weiß, vielleicht sollte das auch ein Vier-Gänge-Menü werden. Erst Pfannkuchen und dann irgendetwas mit Kartoffeln.‹ Er konnte Jacks Blick geradezu auf sich spüren, weshalb er vorschlug: »Ruh dich erst mal aus, ich räume in der Zwischenzeit die Sachen weg, die wir nicht sofort brauchen, um etwas Platz zu schaffen.«

Jack lachte gequält. »Als ob ich mich jetzt ausruhen könnte.« Er rappelte sich auf und ging schnurstracks zu einer der großen Schüsseln, die mit Teig gefüllt war. »Dann mach ich erst mal den hier weiter, der sollte fast fertig sein.«

»In Ordnung«, meinte Medo und umarmte Jack noch einmal kurzerhand. »Danke, dass du dir so viel Mühe machst.«

»Danke, dass du mir dabei hilfst, die Unordnung wieder in den Griff zu kriegen.« Jack drückte ihm einen Kuss auf die Lippen und wandte sich dann wieder dem Teig zu, der nun einen Spritzer orangene Lebensmittelfarbe abbekam. »Hoffentlich schmeckt das dann auch.«

»Wird es sicherlich«, meinte Medo voller Überzeugung, während er einige Zutaten zurück in die entsprechenden Schränke räumte. »Du kannst doch gut kochen. War vermutlich nur etwas zu viel, das du parallel machen wolltest.« Seine Augen weiteten sich, als er ein aufgeschlagenes Backbuch entdeckte, das eine zweistöckige Halloweentorte zeigte. Die untere Ebene war überzogen mit schwarzem Fondant, der mit Kürbissen verziert war und eine orangene Füllung besaß, die obere Ebene farblich umgedreht und dekoriert mit kleinen Fruchtgummispinnen und dazugehörigen Netzen, gemalt mit Lebensmittelfarbe. Wollte Jack etwa die machen? Das war zu viel des Guten! Sie waren ja lediglich zu zweit und könnten sicherlich eine Woche davon essen – falls sie überhaupt so lange genießbar wäre. Oder hatte Jack etwas anderes damit vor? Diente sie vielleicht nur als Inspiration? »Wolltest du die hier machen?«, fragte Medo nach und erhielt ein schüchternes Nicken als Antwort.

Leise fügte Jack dann noch hinzu: »Ich dachte, die könnten wir in den Vorgarten stellen und verteilen, wenn jemand vorbeikommt.« Er zuckte mit den Schultern. »War vermutlich keine gute Idee. Ich dachte mir nur … « Er winkte ab. »Ach, egal. Ich mach da nur ne kleine für uns draus.«

»Dir ist nach Gesellschaft, oder?« Medo ließ den Kopf hängen. Er war so muffelig, was Partys anging, und war froh, wenn sein eigener Geburtstag wieder vorbei war – nicht, dass er sonderlich viel Aufmerksamkeit bekam, aber aus irgendeinem Grund war ihm manchmal sogar das zu viel.

Einen Moment zögerte Jack, dann meinte er: »Das würde ich nicht mal sagen.« Er goss den Teig in die Springform und schob diese dann in den bereits mehr als gut vorgeheizten Ofen.

›Aber doch, oder?‹, dachte Medo. Geduldig wartete er, ob Jack noch etwas sagte. Dass es sich bei Jack um denjenigen der beiden handelte, der eher die Gesellschaft zu anderen Menschen suchte, war kein Geheimnis – aber das war angesichts der Tatsache, dass Medo quasi ohne andere Leute klarkam auch nicht schwer. Dennoch fragte Medo sich häufiger, ob er Jack mit dieser Isolation schadete, auch wenn der bisher noch nichts Entsprechendes gesagt hatte. Zwar gingen sie seit einigen Monaten zumindest unregelmäßig in die Stadt – sehr zum Leidwesen seines Comicstapels, der darauf wartete, irgendwann mal wieder Beachtung geschenkt zu bekommen und nicht nur zu wachsen. Aber war das wirklich genug? Medo runzelte die Stirn. Nicht, dass Jack zu viel in sich hineinfraß und dadurch unglücklich wurde …

Während er grübelte, fing er an, die restlichen Kartoffeln in dünne Scheiben zu schneiden. Falls Jack etwas anderes damit vorgehabt hatte, musste der wohl nun damit leben, dass es Kartoffelgratin zum Essen gab. Als selbst nach einigen Minuten nichts mehr von Jack kam, schob Medo das vorbereitete Gratin zum Kuchen in den Ofen, stellte einen Timer und kramte anschließend eine kleinere Kuchenform aus dem Schrank heraus. Während er die Form betrachtete, erinnerte er sich daran, wie seine Mutter ihm früher immer Kuchen gebacken hatte. Unweigerlich musste er lächeln.

›Was soll’s. Wenn’s mir zu viel wird, verkriech ich mich im Haus‹, dachte Medo und meinte dann zu Jack: »Die hier müsste die richtige Größe für die obere Etage haben, oder?«

Mit aufgerissenen Augen sah Jack ihn an, zunächst sichtlich verwirrt, bis die Bedeutung der Worte anscheinend zu ihm durchsickerte. Medo musste sich zurückhalten, ihn nicht sofort in eine Umarmung zu ziehen und zu küssen – doch Jack hatte dieselbe Idee und kam ihr augenblicklich nach.

Als Medo ein leises Glockenläuten neben sich vernahm, löste er sich von Jack. Er runzelte die Stirn. Neben ihm befand sich lediglich der Küchentisch. Woher kam denn dann nur dieses Bimmeln?

»Alles okay?«, fragte Jack.

Medo nickte zögerlich. »J-ja. Ich dachte nur, ich hätte ein Glöckchen gehört. Du etwa nicht?« Da läutete es erneut. »Da, schon wieder!«

Einen Moment lauschte Jack, dann schüttelte er den Kopf. »Nein, da war nichts.«

»Seltsam«, meinte Medo, zuckte dann mit den Schultern und zog Jack erneut zu sich, woraufhin der leise in den Kuss lachte.

Nur ein paar Sekunden vergingen, da schreckte Jack plötzlich hoch und schaute sich um.

»Hast du diesmal etwas gehört?«, erkundigte sich Medo und als Jack nickte, legte er die Stirn in Falten. Dieses Mal herrschte für ihn absolute Stille – Stille, die schon fast unnatürlich anmutete.

»Ein leises Kichern«, ließ Jack ihn wissen. »Ich glaube, hier ist jemand.«

Wer sollte hier denn sein? Doch noch während Medo sich diese Frage stellte, fuhr ihm ein Schauer über den Rücken. Kälte, die ihm nur zu bekannt vorkam. Kälte, die zweifellos nicht von einem lebenden Geschöpf stammte. Ruckartig drehte er sich um. Doch da war nichts. Er rückte ein wenig näher an Jack heran.

»Ich würde ja sagen, dass wir Geister sehen, aber sehen stimmt so ja nicht.« Jack lachte leise, was Medo zum Seufzen brachte – ob es an dem erzwungenen Wortspiel lag, oder an der Tatsache, dass sich hier vermutlich wirklich ein Geist aufhielt, vermochte er nicht zu sagen. Aber letzteres störte ihn – und zwar gewaltig. Wer war dieses Gespenst? War es ihnen wohlgesinnt oder nicht? Was wollte es hier? Fragen, die er nicht laut stellte, denn er wusste, dass er die Antworten so oder so bekam, vorausgesetzt, das Wesen wollte es so.

Da hörte er wieder das helle Klingeln des Glöckchens. Sie sahen beide hinunter und Medo spürte, wie ein kalter Luftzug an seinem Bein vorbeihuschte.

»Okay, langsam wird es gruselig«, meinte Medo und sah, dass Jack bereits die Zähne zusammengebissen hatte. Ob er Angst hatte oder erkannte, was sich hier bei ihnen befand? »Jack?« Sie warteten ab, was als nächstes geschah – doch vergeblich. Medo lauschte angestrengt, doch das Läuten war verklungen. »Ist es weg?«

»Sieht so aus«, antwortete Jack und zuckte mit den Schultern.

»Hast du denn eine Idee, worum es sich handeln könnte?«

Jack schürzte die Lippen. »Vielleicht. Ich glaube … ach, nein. Das kann eigentlich nicht sein. Dafür sind die viel zu selten. Aber dann hätten wir wohl nichts zu befürchten.«

»Jetzt rück schon raus mit der Sprache!«, forderte Medo und verschränkte die Arme vor der Brust. Wenn er Jack seinen Verdacht erst mühsam entlocken musste, handelte es sich wohl um etwas, das der tatsächlich für äußerst unwahrscheinlich hielt. Kein Wunder, dass er damit erst recht seine Neugierde weckte.

Medo sah Jack geduldig an, der daraufhin schmunzelte. Anscheinend überzeugte ihn dieses Argument aber nicht.

»Ich möchte nicht, dass du dich in falscher Sicherheit denkst. Mir fällt da nämlich leider noch etwas anderes ein, das es sein könnte … «

Medo zog eine Augenbraue nach oben. »War ja klar, dass du jetzt versuchst, mir Angst zu machen.« Jack schaute schuldbewusst an ihm vorbei. »So gut kenne ich dich inzwischen.«

»Ach man, es macht keinen Spaß mehr, wenn ich dich nicht ärgern kann«, beschwerte sich Jack und seufzte. »Es könnte eine Geisterkatze sein«, offenbarte Jack schließlich sein Geheimnis.

Medos Augen weiteten sich und unweigerlich schlich sich ein Lächeln auf sein Gesicht. »Geisterkatze? Eine Yokai? Die gibt es wirklich?«

»Ja, genau. Die sind ziemlich frech und spielen gerne Streiche, sind im Grunde aber harmlos. Es gibt viele Geschichten, die man sich über sie erzählt.«

»Ich hab mich schon immer gefragt, ob es die wirklich gibt! Eine Geisterkatze zu sehen wäre SO COOL!« Aufgeregt schaute Medo sich um. »Was muss man denn tun, damit sie sich zeigen?«

»Weiß ich nicht«, meinte Jack und Medo kam nicht umhin, zu bemerken, dass er etwas gekränkt wirkte. War das wohl immer noch, da er ihm nicht die Möglichkeit gegeben hatte, ihn zu ärgern? »Ich schätze, wenn sie gesehen werden möchte, dann zeigt sie sich und wenn nicht, dann eben nicht.« Jack zuckte mit den Schultern. »Lass uns erst mal das Chaos hier weiter aufräumen, vielleicht taucht sie ja noch mal auf.«

Medo seufzte innerlich. Manchmal konnte Jack so ein Kindskopf sein. Aber ganz Unrecht hatte er nicht – wenn ein Geist nicht gesehen werden wollte, dann hatte man wohl keine Chance, ihn dazu zu bringen, sich zu zeigen. Und der Geschirrstapel wurde nicht kleiner, wenn sie tatenlos herumstanden.

»Würdest du bitte den Teig für die zweite Etage machen?«, fragte Jack und Medo nickte zögerlich. Wenn er sich an die im Backbuch angegebenen Mengen hielt, würde hoffentlich nicht allzu viel schiefgehen.

Er mischte alles zusammen, versicherte sich zwischendurch immer wieder, dass er sich auch ja nichts falsch gemerkt hatte – manchmal war sein Gedächtnis einfach wie ein Sieb – und räumte anschließend die dreckigen Utensilien in die Spülmaschine und warf den verkohlten Pfannkuchen in den Müll.

Währenddessen widmete sich Jack der Fondant-Dekoration. Fasziniert schaute Medo dabei zu, wie sein Freund gekonnt ohne Vorlage einen Kürbis aus der plattgerollten Masse schnitt und ihm eine gruselige Fratze verpasste. »Ich wusste gar nicht, dass du so was so gut kannst.«

Jack wurde ein wenig rot und winkte ab. »Ach, so gut ist das nicht.«

Medo lehnte sich näher zu ihm und betrachtete den gleichförmig geschnittenen Kürbis. Dass das kein Zufall gewesen sein konnte, sah er an einem weiteren, der bereits beiseitegelegt worden war. »Äh, doch«, meinte Medo. Das war definitiv nichts, das man eben so hervorzauberte. »Hast du früher öfter gebacken? Oder gezeichnet?«

»Gezeichnet hab ich tatsächlich öfters. Es macht mir Spaß, aber sonderlich gut bin ich nicht darin.«

»Selbst wenn nicht – was ich bei dem, was ich hier sehe, wirklich bezweifle – solange es dir Spaß macht …« Einen Moment lang fühlte sich Medo schlecht, dass er Jack wohl doch noch nicht so gut kannte, wie gedacht. Andererseits war ein Jahr schnell vorbei – und es war ja nicht so, als hätten sie nicht noch genügend Zeit, einander besser kennenzulernen. Außer die Yokai war hier, um Jack … er schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter. Nein, sicherlich würden die höheren Mächte keine Katze schicken, um ihn wieder in die Geisterwelt zu holen. Zumindest hoffte er das inständig. »Lass uns doch nächste Woche in die Stadt schauen. Da gibt’s einen Laden, in dem wir sicherlich genügend Zeichenmaterial finden«, schlug Medo vor, um die Stille und seine Gedanken loszuwerden.

»Müssen wir wirklich nicht«, meinte Jack, ohne sich umzudrehen. »Aber danke.«

Wieso war Jack denn nun so abweisend?

»Ich weiß, dass wir es nicht müssen, aber einfach nur schauen kostet ja nichts. Und wenn dir doch was ins Auge springt, dann holen wir es direkt, damit du dich austoben kannst.« Medo lächelte. »Wenn ich mir vorstelle, wie du mit Staffelei und Pinsel im Garten stehst und den See malst … ich stelle mir das toll vor.«

Da Jack noch immer nichts sagte, befürchtete Medo schon, etwas Falsches gesagt zu haben. Wieso hatte er das Thema, über das Jack wohl offensichtlich nicht reden wollte, nicht einfach gut sein lassen? Hoffentlich hatte er dadurch keine schlechten Erinnerungen hochgeholt oder ihn anderweitig verletzt.

»Das hatte ich tatsächlich schon mal überlegt«, gestand Jack und drehte sich endlich zu ihm um. Medo wurde bei Jacks lieben Lächeln direkt warm ums Herz. Sämtliche Sorgen waren mit einem Schlag verflogen und Freude gewichen. Er konnte gar nicht anders, als zurückzulächeln. »Okay, dann lass uns nächste Woche mal dorthin. Ich muss ja ausnutzen, wenn du schon mal freiwillig aus dem Haus gehst«, setzte Jack nach und streckte die Zunge heraus.

Medo rollte mit gespielter Empörung die Augen. Gefühlt war er im letzten Jahr häufiger draußen gewesen als sein restliches Leben zusammengenommen – und er musste zugeben, wenn sie dorthin gingen, wo nicht allzu viele Menschen waren und sie etwas Sehenswertes erwartete, waren die Ausflüge auch nicht allzu schlimm. Nicht, dass er das zugeben würde! Bevor er etwas sagen konnte, holte ihn der Timer zurück in die Realität. »Diese Diskussion führe ich nicht auf leerem Magen«, meinte Medo und holte das Gratin, so schnell es ging, mit Topflappen aus dem noch laufenden Ofen. »Und wenn du nach dem Essen die Torte dekorierst, will ich dich natürlich auch nicht ablenken.«

Jack lachte, schüttelte den Kopf und holte zwei Teller aus dem Schrank. »Womit hab ich so viel Gnade verdient?«

»Auch nur, weil heute Halloween und morgen dein zweiter Geburtstag ist«, entgegnete Medo und lachte nun ebenfalls.

~*~

Als Medo nach einer ausgedehnten Nachmittagsruhe, die er mit einer Dokumentation über Halloweentraditionen verbracht hatte, wieder in die Küche kam, stand ein zweistöckiger Kuchen vor ihm, der der Abbildung im Backbuch in nichts nachstand. Er ging näher heran und bewunderte, wie sauber Jack gearbeitet hatte. Hätte er nicht gesehen, dass Jack dafür selbst in der Küche gestanden hatte, hätte er den Verdacht geäußert, sie stamme von einem Konditor.

»Die sieht super aus«, ließ Medo Jack wissen, der zufrieden neben ihm stand und lächelte. »Da werden sich unsere Nachbarn freuen.«

»Ich hoffe es. Schade, dass wir sie bis abends nicht anschneiden können, um zu schauen, ob sie schmeckt.«

Tatsächlich lief Medo beim Anblick das Wasser im Mund zusammen, weshalb er sich wegdrehte, um nicht doch noch in Versuchung zu kommen. »Falls sie nicht schmeckt, dann fällt das unter Saures

Jack prustete. »Stimmt. Falls jemand fragt: Das war pure Absicht!«

Nachdenklich schaute Medo den Kuchen an. Sie war tatsächlich größer als erwartet und er bezweifelte, dass man sie sicher transportieren konnte … wo auch immer sie sie hintransportieren wollten. »Wo stellen wir den eigentlich drauf?«

»Zu meinen Poltergeistzeiten stand oben im Dachboden ein Servierwagen oder so was. Falls du den nicht weghast, könnten wir den sauber machen und nehmen«, schlug Jack vor.

Medo schaute Jack mit hochgezogener Augenbraue an. Er hoffte, Jack kannte ihn inzwischen gut genug, um zu wissen, dass er nicht der Typ Mensch war, der freiwillig Dachböden aufräumte.

»Okay, damit hätte sich meine Vermutung bestätigt«, meinte Jack, schnalzte mit der Zunge und wuschelte Medo im Vorbeigehen durch die Haare. Der plusterte die Backen auf und ließ die Luft darin stoßartig entweichen. Da hatte sich Jack ja etwas Nerviges angewöhnt! »Dann hol ich den Servierwagen mal runter.«

»Warte, da kann ich dir doch helfen!«, meinte Medo und eilte hinterher. »Allein ist das Ding eh zu sperrig.«

»Danke!« Jack drehte sich – bereits auf der Treppe stehend – um und lächelte ihm kurz zu, bevor er weiterging. Einen Moment fragte Medo sich, ob Jack ohnehin fest damit gerechnet hatte, dass er ihm half oder … er schüttelte den Kopf. Was grübelte er denn nun schon wieder über unnötige Dinge nach? War es nicht schön, wenn sein Freund ihm vertraute und wusste, dass er sich auf ihn verlassen konnte?

›Bitte lass das nicht wieder so einen Grübeltag werden! Nicht heute und bitte auch nicht morgen!‹, flehte Medo innerlich und folgte Jack nach oben.

Der Dachboden besaß den Charme eines zerstörten Fabrikgebäudes inmitten einer Zombie-Apokalypse: überall lag Zeug herum, alles war eingestaubt und er war sich nicht sicher, ob aus den schlecht beleuchteten Ecken nicht jederzeit etwas hervorspringen würde. Er kratzte sich am Hinterkopf und versuchte, das Positive zu sehen: wenigstens hatte dieses Haus keinen Keller.

Jack quetschte sich zwischen einigen Sachen hindurch, dann deutete er auf eine Kiste. »Wir müssen nur die zwei großen Kartons beiseite räumen, dann sollten wir drankommen!«

Medo wollte gerade fragen, woher Jack das wusste, da fiel ihm wieder ein, dass ein Poltergeist problemlos durch alle möglichen Sachen fliegen konnte. So viel Zeit, wie Jack hier oben verbracht hatte, kannte er sicherlich den Inhalt von so gut wie allen Kisten in und auswendig. ›Vielleicht ganz nützlich, falls wir doch mal aufräumen wollen‹, dachte er sich und lächelte. Bis dieser Tag kam, hätte Jack sicherlich alles vergessen. Für heute würde es genügen, wenn sie diesen Wagen hervorholten und sauber machten. Er stellte sich zu Jack und griff die andere Seite des Kartons. Vorsichtig trugen sie die schwere Kiste durch das Gerümpel nach vorne und stellten sie dort ab, damit sie nun auch an die zweite kamen.

Kurz darauf stand der Servierwagen an der Treppe. Notdürftig wischte Medo mit der Hand darüber, wirbelte damit aber nur die oberste Staubschicht auf. Ein Hustenreiz überkam ihn und Jack brachte er mit dieser Aktion zum Niesen.

Medo wich dem vorwurfsvollen Blick aus und deutete stattdessen zur Treppe. »Dann wollen wir das gute Ding mal runterbringen.«

Langsam trugen sie den Wagen die Stufen hinunter und er kam nicht umhin, sich zu wundern, wie seine Mutter den allein in den Dachboden bekommen hatte. Oder hatte er ihr geholfen und wusste es bloß nicht mehr?

»Bringen wir ihn vor die Haustür?«, fragte Jack.

»Ja, können wir machen. Ich hol dann Putzzeug.«

Kaum stand der Servierwagen vor der Tür, machte Medo kehrt, um einen mit Wasser und Essigreiniger gefüllten Eimer, Handschuhe sowie zwei Lappen zu holen. Als sie anfingen, die Staubschicht abzuwischen, grübelte er, ob irgendwo im Haus Tischdecken herumlagen. Er runzelte die Stirn. Dass er jemals über so etwas nachdachte, war mehr als absurd – aber wenn sie das jetzt durchzogen, dann sollte wenigstens alles möglichst perfekt sein. Leider konnte er sich aber an nichts dergleichen erinnern.

»Ich glaube nicht, dass wir eine Tischdecke haben, die wir dekorieren könnten.«

»Doch, im Dachboden liegt sogar eine schwarze, die ganz gut passt«, meinte Jack mit einem Grinsen.

Medo hielt inne und blinzelte. »Du kennst aber nicht wirklich den Inhalt sämtlicher Kisten, die dort rumstehen, oder?«

»Doch, doch«, versicherte Jack. »Sogar den mit deinen Kindheitsfotos.«

»Scheiße«, entwich es Medo. Die Muskeln unter Medos linkem Auge zuckten und er spürte, wie ihm die Hitze in die Wangen stieg. »Die vergiss bitte ganz schnell wieder.«

»Ich fand sie ganz süß«, meinte Jack.

»Die sind mir wirklich unangenehm.« Medo biss die Zähne aufeinander. Führten sie gerade wirklich so ein Klischeegespräch? Er fuhr sich durch die Haare. Wenn er an all die Bilder dachte, insbesondere die, die ihn mit seinem Vater zeigten … »Eigentlich könnte ich die mal aussortieren«, murmelte er und zuckte zusammen, als Jack genervt – oder war es entsetzt? – aufseufzte.

»Meine existieren vermutlich nicht einmal mehr.« Jack machte keine Anstalten, seinen bissigen Ton zu verbergen. Medo senkte den Kopf. Er wusste, dass er, was das anging, definitiv seltsam war. Während andere ihre Erinnerungsstücke wertschätzten, würde er am liebsten alles in die nächste Mülltonne werfen. Was das anging, trafen bei Jack – der ja nichts aus seinem vorherigen Leben mehr besaß – und ihm Welten aufeinander.

»Tut mir leid«, flüsterte Medo und biss sich auf die Lippe, als er sah, wie traurig Jack nun wirkte. Wie bekam er das nun wieder hingebogen? »Aber dann machen wir halt neue Fotos. Heute wird Halloween gefeiert und morgen wirst du ja zum zweiten Mal ein Jahr alt – da haben wir direkt einen weiteren Anlass!«

Erwartungsvoll sah Medo Jack an. Zunächst konnte er dessen Blick nicht wirklich deuten, doch dann begann Jack zu lächeln, zog seine Handschuhe aus und wuschelte ihm kurzerhand durch die Haare. Ein wohliges Gefühl breitete sich in seinem Brustkorb aus, während er seine Handschuhe ebenfalls auszog und im Anschluss seine Frisur provisorisch wieder richtete.

»Die Sonne fängt langsam an, unterzugehen. Ich kümmere mich um die restliche Deko. Gönn du dir ruhig noch etwas Pause«, bot Jack an, woraufhin Medo sofort den Kopf schüttelte.

»Ich kümmere mich um die anderen Süßigkeiten – falls jemand vorbeikommt, der keinen Kuchen mag.«

Jack sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. »Meinst du wirklich, solche Leute gibt es?«

»Ja, die gibt es definitiv«, versicherte Medo und schmunzelte.

»Unvorstellbar«, meinte Jack noch, dann ging er kopfschüttelnd zurück ins Haus.

Medo packte schnell die Putzutensilien und räumte sie weg. Dann holte er einige Süßigkeitenpackungen, die sie extra für Halloween gekauft hatten, aus dem Schrank und füllte sie in Schüsseln um. Währenddessen bemerkte er, wie Jack hastig mit einer schwarzen Tischdecke hinausging und anschließend noch einige Male hin und her lief, während er immer neue Gegenstände in der Hand hielt. Als Medo mit seiner Arbeit fertig war, ging er vor die Tür und sah Jack beim Dekorieren zu. Bald schon hingen einige Totenköpfe an der Tischdecke, ebenso wie aus Wolle gebastelte Spinnweben und obendrauf standen kleine Kürbisfiguren. Jack bemerkte Medo wohl eine ganze Zeit lang gar nicht, denn er zuckte sichtlich zusammen, als er sich zur Tür umdrehte und Medo dort stehen sah.

»Sieht gut aus!«, versicherte Medo und deutete in die Küche. »Erst umziehen oder zuerst Kuchen raus?«

»Erst umziehen!«, rief Jack begeistert. »Ich bin schon echt gespannt, was für ein Kostüm du dir hast einfallen lassen!«

Medo konnte gar nicht mehr antworten, denn Jack rannte an ihm vorbei und die Treppen nach oben. ›Süß, wie er sich freut.‹ Er lachte leise und ging langsam ins Wohnzimmer, wo er sein Kostüm versteckt hatte. Zunächst räumte er einige Bücher beiseite, dann holte er ein gut verpacktes Bündel hervor. Darin befand sich das simple Zaubererkostüm, das er sich für den heutigen Tag ausgesucht hatte. Schnell zog er sich um, griff noch nach einem Besen und ging dann ins Bad. Als er vor dem Ganzkörperspiegel stand, setzte er sich seinen großen Hut auf. Notdürftig strich er einige Falten in der langen, schwarzen Robe glatt – bei den verbleibenden hoffte er, diese würden sich mit der Zeit von selbst verabschieden. Er lächelte sein Spiegelbild an. Zwar war er nun kein richtiger Zauberer mehr, aber zu Halloween wollte er sich zumindest daran erinnern. ›Vielleicht sollte ich Jack bitten, mein Magical-Man-Medo-Outfit zu zeichnen, damit ich das für nächstes Halloween in Auftrag geben kann‹, dachte er und lachte leise. ›Wobei ich nicht weiß, ob ich wirklich möchte, dass mich Leute so sehen.‹

Da hörte er, wie Jack die Treppen langsam hinunterkam. Gespannt schaute er zur Badtür, in der kurz darauf eine gut in Bandagen eingewickelte Mumie stand. »Wow! Du hast dich allein fast komplett eingewickelt?«, fragte Medo, während er seinen Freund betrachtete – der es ihm gleichtat. Dann ging er einen Schritt zur Seite, damit Jack sich nun ebenfalls vor den Spiegel stellen konnte.

»Süßes Kostüm«, merkte Jack an und küsste Medo, bevor er sich selbst im Spiegel betrachtete. »Aus irgendeinem Grund wusste ich, dass du dich als Zauberer verkleidest.« Jack zog einige Stofffetzen zurecht und rümpfte dann die Nase. »Und ja, soweit es ging, hab ich mich eingewickelt. Aber irgendwie sieht das nicht so toll aus, wie ich gehofft hatte.«

Medo blinzelte. Selbst Jacks Rücken war gleichmäßig von Bandagen bedeckt – er hätte nie gedacht, dass man das so allein hinbekam! War Jack nur einfach wieder selbstkritisch? Leise fragte er: »Wieso denn nicht?«

Einen Moment überlegte Jack, dann zuckte er mit den Schultern. »Ich weiß auch nicht.«

Medo wurde schwer ums Herz. Er ertrug es nur schwer, wenn Jack traurig war – und ausgerechnet heute sollte das erst recht nicht sein! Spontan umarmte er ihn und drückte ihn fest an sich. »Du siehst super aus! Lass uns noch die letzten Vorbereitungen treffen und dann einen schönen Abend verbringen.« Er stupste Jack auf die bedeckte Nase, über die diagonal der Stoff gelegt worden war. »Kuchen und Süßigkeiten raus!« Medo hakte sich bei Jack ein und zog ihn in die Küche. »Und dann mach ich erst mal ein Foto von dir neben dem Meisterwerk, das du geschaffen hast!«

Jack lachte leise. »Aber nur, wenn ich auch eins von dir machen darf!«

»Klar!«, meinte Medo, auch wenn alles in ihm schrie: Bitte keine Fotos! Aber wenn er das für jemanden über sich ergehen lassen würde, dann für Jack! »Vielleicht kriegen wir ja sogar ein gutes Selfie von uns beiden hin!«

»Selfie und gut – das geht doch gar nicht!«, warf Jack ein. Medo lachte auf. Anscheinend ließ sich Jack von seinem Enthusiasmus anstecken – und das machte wiederum ihn glücklich!

»Kuchen?«, fragte Medo und stellte sich neben besagte Leckerei.

»Kuchen!«, antwortete Jack.

Vorsichtig trugen sie ihn mit Hilfe eines großen Kuchentellers, auf den Jack ihn zuvor drapiert hatte, nach draußen und stellten ihn auf dem Servierwagen ab.

Medo ging einen Schritt zurück und betrachtete das Ganze. Sofort lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Er freute sich schon darauf, selbst ein Stück davon abzubekommen. »Das sieht doch klasse aus!« Schnell ging er hinein und holte einen Tortenheber, einige Teller sowie Besteck, das sie zwischendurch vermutlich abspülen mussten, falls zu viele Leute kommen würden, und legte es daneben. Direkt danach eilte er erneut hinein und holte die Süßigkeiten.

»Das sieht wirklich toll aus!«, stimmte Jack zu und lachte. »Aber es reicht für die halbe Stadt.«

»Perfekt, dann kriegen wir hoffentlich nichts Saures ab!« Medo zückte sein Smartphone. »Stell dich bitte mal dazu, dann mach ich ein Foto!«

Sofort kam Jack der Aufforderung nach. Beim ersten Foto stand er einfach nur daneben, danach begann er zu posieren. Medo lachte, als Jack anfing, einen Mumiengang nachzuahmen. Nach einigen weiteren Fotos nahm er das Smartphone hinunter und winkte Jack zu sich. Gemeinsam schauten sie durch die Galerie. Glücklicherweise waren die Aufnahmen direkt etwas geworden, sodass sie nicht in die Verlegenheit kamen, das Ganze zu wiederholen.

»Nun noch ein Selfie von uns!«, forderte Jack und Medo seufzte mit gespielter Genervtheit auf, bevor er sich umdrehte, damit man – mit etwas Glück – den Servierwagen im Hintergrund sah. Er nahm einige Einstellungen vor, dann hob er das Smartphone nach oben und wartete darauf, dass es einige Aufnahmen machte. Plötzlich spürte er, wie Jack ihm einen Kuss auf die Wange drückte. Er lachte leise auf und legte seinen freien Arm um Jacks Schulter.

Als sie die Fotos – die besser aussahen als erhofft! – betrachteten, sprangen nach und nach die Solarlampen im Garten an. Bald schon würde es komplett dunkel werden. Sie schauten die Straße hinauf. Einige Kinder liefen bereits mit Laternen herum.

»Lass uns den Wagen nach vorne schieben«, schlug Medo vor. Anstatt zu antworten, setzte Jack die Idee einfach direkt in die Tat um. Medo schaltete noch den Strom für einige Leuchtkürbisse ein und ging dann noch einmal ins Haus, um zwei Stühle zu holen, damit sie nicht die gesamte Zeit stehen mussten. Damit sie später nicht froren, nahm Medo bei dieser Gelegenheit zwei Decken mit.

Medo setzte sich und schaute zu Jack, der aufgeregt von einem Bein aufs andere hüpfte. Eine halbe Stunde verging und die Dunkelheit setzte nun ein. Hoffentlich kamen bald die ersten Verkleideten, damit Jack nicht allzu lange warten musste! Doch bei einem Blick auf die Straße sah Medo, dass nur vereinzelnd Leute unterwegs waren. Sicherlich würde es noch etwas dauern – und da sie am Ende der Straße wohnten, war der Weg zu ihnen besonders weit.

»Wir sind vielleicht etwas zu früh raus«, merkte Medo an und klopfte auf den freien Klappstuhl neben sich.

Jack zögerte einen Moment, dann setzte er sich und warf eine der Decken über seinen Schoß. »Ja, vielleicht etwas. Aber innen hätte ich die Sorge, dass wir jemanden verpassen.«

Medo lachte leise. »Die würden doch klingeln. Immerhin wollen sie ja den Süßkram haben!«

»Stimmt wohl«, meinte Jack und rümpfte die Nase. »Trotzdem!«

»Ich versteh’s schon.« Medos Blick fiel auf den Kuchen. »Meinetwegen können gern bald die Ersten kommen. Ich hab Hunger.«

»Vielleicht hätten wir vorab noch was anderes essen sollen«, überlegte Jack und kratzte sich am Hinterkopf.

»Ach was!« Medo winkte ab. »Kuchen zum Abendessen klingt super. Wir müssen nur aufpassen, dass uns nicht schlecht wird.« Er warf Jack einen vielsagenden Blick zu, der sich daraufhin verlegen an der Wange kratzte.

»Hab schon verstanden: Ich muss aufpassen, dass mir von dem Süßkram nicht schlecht wird.«

»Mhm«, brummte Medo zustimmend und lehnte sich zurück. »Nicht, dass du morgen mit Bauchschmerzen flachliegst.«

»So wenig Selbstbeherrschung traust du mir zu?«, murrte Jack, woraufhin Medo grinste.

»Ich glaube, du möchtest keine ehrliche Antwort!«

»Püh!« Jack verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust und drehte sich weg, was Medo nur noch mehr zum Lachen brachte. Er mochte es, so mit ihm herumzualbern.

Aus seinem Augenwinkel heraus sah er Lichter, zu denen er sich sogleich umdrehte. Leider stellte es sich als vorbeifahrendes Auto heraus. ›Schade‹, dachte er und blickte die Straße hinauf, auf der die Straßenlaternen die Leute sichtbar machten. Eine kleine Gruppe stand am Nachbarhaus. Medo wollte gerade aufstehen, da sah er, wie sie kehrtmachten und anstatt weiterzugehen auf die gegenüberliegende Straßenseite wechselten. Irritiert runzelte Medo die Stirn. Ob man sie nicht sah? Er schaute sich um. Vermutlich war es wirklich zu dunkel, zumal ihr Haus sich zwischen zwei Straßenlaternen befand und nur kleine Lichtquellen sie umgaben. Leider fiel ihm auf die Schnelle nichts ein, um ihre Sichtbarkeit zu erhöhen. Er ärgerte sich, am Vortag nicht getestet zu haben, wie gut man sie erkennen würde – auf der anderen Seite hatte er am Vorabend noch nicht einmal von Jacks Idee, einen Kuchen zu backen, gewusst.

Die nächsten Kinder wechselten von ihrer auf die andere Straßenseite. Medo hörte ein Seufzen neben sich.

»Vermutlich denken sie, es lohnt sich nicht, bis hierher zu laufen. Hier hinten sind ja auch keine weiteren Häuser«, mutmaßte Jack.

»Kann sein«, flüsterte Medo und schürzte die Lippen. Das konnte doch nicht deren Ernst sein! Für gratis Süßigkeiten konnte man ruhig noch einige weitere Schritte auf sich nehmen! Vermutlich zum ersten Mal in seinem Leben nervte es ihn, dass ihr Haus etwas abseits stand.

Als einige Minuten später die dritte Gruppe in Sichtweite kam und ebenfalls die Straßenseite wechselte, sprang er auf. Er musste etwas unternehmen! »Wollen wir mit den Sachen bis vor zur nächsten Laterne? Dann sehen sie uns besser.« Er hoffte inständig, dass ihnen dies weiterhelfen würde und ihre Nachbarn sie nicht aus irgendeinem anderen Grund mieden.

Im schwachen Licht sah Medo, wie Jack seinen gesenkten Kopf schüttelte. Ein Stich durchzog seinen Brustkorb.

»Wir sitzen jetzt schon fast eine Stunde hier. Das war einfach ne beschissene Idee«, murmelte Jack, stand auf und ging ins Haus, ohne auf Medos Rufe zu reagieren.

Medo schaute ihm hinterher. Es sah Jack überhaupt nicht ähnlich, dass er sich so unterkriegen ließ. Er nahm den Hut ab und fuhr sich durch die Haare. Vermutlich hatte Jack sich den Abend so perfekt vorgestellt, dass die Enttäuschung über diesen Rückschlag nun umso größer war. Er spürte, wie sich Wut mit Verzweiflung mischte. Was sollte er denn dagegen machen? Konnte er etwas tun? Sollte er Jack hinterhergehen oder lieber warten, falls einige Feiernde doch noch ihren Weg hierher fanden und Jack das von innen vielleicht mitbekam und wieder nach draußen eilte? Die Gedanken rotierten in seinem Kopf, doch er kam zu keiner Lösung. Die Tatsache, dass die nächste Familie kehrtmachte, verschlimmerte die Situation nur zusätzlich.

»Scheiße!«, rief er frustriert und widerstand dem Drang, gegen den Servierwagen zu treten. Da hörte er plötzlich ein Klingeln neben sich. Er schaute zu der Stelle, von der er glaubte, dass das Geräusch gekommen war. Ob es wohl die Yokai war, die erneut um ihn herumschlich? Ein leises Murren entwich ihm, denn wieder sah man sie nicht. ›Was will sie hier? Sich über unsere Situation lustig machen?‹

Ein leises Mauzen brachte ihn dazu, den Kopf zu drehen. Und da saß sie. Fasziniert betrachtete er die schöne weiße Katze, die mit geschlossenen Augen vor ihm saß. Eine leuchtende Aura umgab sie und machte ihre roten und türkisen Verzierungen sichtbar. Medos vorheriger Zorn war wie verflogen, als er sie anschaute. Gerade wollte er nach Jack rufen, da rannte sie bereits zur Straße.

›Bleib doch bitte hier!‹, flehte Medo. ›Jack soll sie auch noch sehen können!‹ Die aufkommende Enttäuschung wich purem Erstaunen, als sich ein buntes Lichterspiel, das Medo an Polarlichter erinnerte, über ihrem Haus und dem Garten auftat. Er legte den Kopf in den Nacken. Wie schön das aussah!

Das Schauspiel blieb nicht lange unbemerkt, denn Medo hörte, wie die Haustür knarzend aufgezogen wurde. Er schaute zu Jack, der verwundert nach oben schaute, während er zurück zu ihm lief.

»Was ist das denn?«, fragte Jack.

»Ich weiß nicht genau, aber ich glaube, das war die Yokai. Sie hat sich mir kurz gezeigt.«

Wie zur Bestätigung hörte er wieder ein Mauzen, diesmal direkt vor ihnen. Die Katze lief einmal um ihre Beine herum, dann verschwand sie und lediglich glitzernde Lichter blieben zurück.

»Sie ist wunderschön«, flüsterte Jack und schaute wieder nach oben, diesmal mit einem Lächeln auf den Lippen. »Das alles ist wunderschön.«

»Stimmt«, meinte Medo, während er seinen nun überglücklichen Freund betrachtete. Er atmete tief durch. ›Wenigstens hat sie uns den Abend etwas … ‹ Kinderlachen und ein »Guck mal Mama, da gibt’s Kuchen!« unterbrachen seine Gedanken.

Drei Kinder und eine Frau näherten sich ihnen und grüßten mit einem Winken.

»Süßes oder Saures!«, forderte ein Kind, das als Roboter verkleidet war, woraufhin Medo und Jack lachten.

»Da wähle ich doch Süßes! Möchtet ihr ein Stück Kuchen?«, fragte Jack, wobei die Aufregung deutlich in seiner Stimme mitschwang.

Begeistertes »Jaaaaaa!« hallte durch die Luft.

Medo ging ein Stück zur Seite, um Platz zu machen. Als er sah, dass noch eine weitere Familie in ihre Richtung lief, atmete er erleichtert aus. Er sah sich um, doch von der Katze war nichts mehr zu sehen. Hoffentlich zeigte sie sich nachher noch einmal, damit sie sich bedanken konnten.

Alle vier Besucher nahmen jeweils ein Stück Kuchen entgegen und während sie aßen, nahm Jack noch einige Süßigkeiten aus den Schüsseln, um sie den Kindern in die Taschen zu packen.

»Danke!«, riefen alle Kinder im Chor.

»Vielen Dank! Tolle Lichtinstallation!«, merkte die Mutter an.

Medo lachte leise auf und bedankte sich höflich. Wenn sie wüsste!

Nachdem auch die nächsten Vorbeiziehenden Kuchen gegessen hatten, nahm sich nun auch Medo ein Stück, das etwas größer ausfiel als die, die sie den anderen abgaben. Dabei stellte er fest, dass das Geschirr bisher gar nicht genutzt worden war. Hatten sie alle den Kuchen mit der Hand gegessen? Er schmunzelte. Sollte ihm recht sein – weniger Abwasch. Er nahm eine Gabel und hielt inne. Mit großen Augen sah er zu Jack, der ihn erwartungsvoll anblickte. »Scheiße, schmeckt das geil. Hast du da noch ne Kürbisfüllung rein?«

»Jap«, meinte Jack mit breitem Grinsen, das ihm aber sogleich verging. Irritiert starrte Medo Jack an. »Was ist los?« Medo sah, wie Jack die Stirn runzelte und dann seinen Hut abnahm. Er hörte einen Moment zu kauen auf, bevor er das Kuchenstück hinunterschluckte. Währenddessen schaute er wie gebannt auf ein paar hellblau leuchtende Pilze. »Wo kommen die denn her?« Noch während er die Frage stellte, kam ihm die passende Antwort: »War das etwa auch die Yokai?« Seine Brille rutschte ein Stück nach unten und als er sie wieder hochschieben wollte, stellte er fest, dass sie viel kleiner geworden war. Als er an sich herabsah, bemerkte er, dass sich sein Outfit verändert hatte. Das musste er sich zeitnah im Spiegel ansehen! »So was«, murmelte er, dann schaute er, ob er an Jack eine Veränderung ausmachen konnte – und tatsächlich: Die Bandagen waren zwar zuvor schon sauber gewickelt worden, doch nun sahen sie deutlich älter und realistischer aus.

»Sag mir bitte, dass mein Gesicht nicht aussieht wie das einer Mumie«, flehte Jack, woraufhin Medo zu lachen anfing. Er schüttelte den Kopf. »Gut!« Jack atmete erleichtert aus und nahm sich ebenfalls ein Stück Kuchen. Da kamen bereits die nächsten Verkleideten in Sichtweite. Medo lächelte, als er sah, wie sich Jacks Mundwinkel noch ein Stück weiter nach oben bogen, bevor er sie begrüßte.

~*~

»War das ein schöner Abend!«, rief Jack direkt, nachdem er die Haustür hinter sich zugezogen hatte.

»Das war er!«, stimmte Medo zu und streckte sich. »Allerdings auch etwas anstrengend.«

»Dann machen wir es uns jetzt einfach noch auf dem Sofa bequem!«, schlug Jack vor und schob den Servierwagen in Richtung Küche. »Das können wir ja morgen sauber machen.«

»Klingt nach einem Plan!« Medo zog sich die neuen orangenen Stiefel aus und stellte sie ab, dann legte er seine Hand auf den Lichtschalter des Wohnzimmers. Bevor er ihn betätigte, bemerkte er ein pulsierendes Leuchten. »Jack!«, sagte er, dann betätigte er den Schalter und schlich sich zur Lichtquelle.

Lächelnd schaute Medo hinunter zu der Yokai, die friedlich zu schlummern schien. Wie niedlich sie doch war! Fast wünschte er sich, sie behalten zu können. Vielleicht gefiel es ihr wenigstens so gut hier bei ihnen, dass sie gelegentlich vorbeischaute? Ob er sie wohl streicheln konnte? Vorsichtig kniete er sich zu ihr und bewegte seine Hand langsam über sie.

Da öffnete die Yokai plötzlich die Augen. Blutrote Augen einer offensichtlich misstrauisch und wenig begeisterten Katze starrten ihm entgegen. Hastig zog Medo seine Hand zurück und ließ sich nach hinten fallen, seinen Blick noch immer fest mit dem der Geisterkatze verbunden. Er zuckte zusammen, als sie ihr Maul weit öffnete und damit ihre spitzen Zähne sowie eine lange, gespaltene Zunge präsentierte. Wollte sie ihn angreifen? Er wollte ihr doch nichts Böses! Konnte sie ihm wohl gefährlich werden? Ein Schauer jagte Medo über den Rücken, er zog seine Arme an seine Brust. Dann schloss die Katze den Mund wieder und legte sich wieder gemütlich hin.

Medo verharrte noch eine Weile in Hab-Acht-Stellung, doch die Yokai interessierte sich nicht mehr für ihn. Da kam ihm die Erkenntnis, dass sie wohl lediglich gegähnt haben musste. Hitze stieg ihm in die Wangen, die noch weiter anstieg, als er Jack leise lachen hörte. Wie peinlich!

Da spürte er auf einmal, wie Jack von hinten seine Arme um ihn schlang und ihn fest an sich drückte. Medo schloss die Augen und lehnte sich an ihn, genoss das wohlige Gefühl, dass sich in ihm ausbreitete.

Eine Weile saßen sie schweigend beieinander und als Medo auf die Uhr schaute, zuckte er zusammen. Es war bereits nach Mitternacht! Vorsichtig drehte er sich in der Umarmung um und küsste Jack, bevor er flüsterte: »Alles Gute zum zweiten Geburtstag!«

»Danke«, nuschelte Jack und lehnte die Stirn an seine. »Auch dafür, dass du ihn mir ermöglicht hast.«

Medos Herzschlag beschleunigte sich. Stimmt, er hatte dazu beigetragen, aber es war ja nicht so, als hätte er es wirklich ermöglicht. Er biss sich auf die Unterlippe. Was sollte er nun sagen? »Ich hab auch ein Geschenk«, meinte er nach kurzer Denkpause, um die Stille zu durchbrechen.

»Später«, flüsterte Jack, bevor er Medo küsste und ihn sanft hinunter auf den Boden drückte.

Diese süßen Chibis wurden von Sophie Hilgenstock gezeichnet. Schaut unbedingt mal auf ihrer Website vorbei! (Externer Link!) 🙂

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