Maliques erster Ausbildungstag

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Alkoholkonsum (erwähnt), Mobbing

Mit zitternden Knien stand Malique da und blickte ehrfürchtig das Gebäude vor ihm an. Er war gerade 14 Jahre alt geworden und war nun hier, direkt vor dem Hauptgebäude der ICA, der »International Cosmos Agency«.

Wenn er so darüber nachdachte, konnte er immer noch nicht verstehen, wie er sich für eine Ausbildung zum Astronauten hatte qualifizieren können. Seine Noten waren etwas besser als der Durchschnitt, genauso sah es mit sportlichen Aktivitäten aus. Wenn man ihn fragen würde, was er am besten konnte, wäre seine Antwort »Ordnung halten«. Er liebte es, Sachen zu sortieren oder zu kategorisieren. Doch dass ihm dies zum Erhalt der Ausbildung verholfen haben sollte, bezweifelte er stark. Nichtsdestotrotz freute er sich ungemein darüber, aufgenommen worden zu sein.

Schon seit er ein kleiner Junge gewesen war, liebte er es, nachts die Sterne anzusehen. Damals hatte er sie noch zusammen mit seinem Vater betrachtet, hatte sich abenteuerliche Geschichten von fremden Welten und Lebewesen einfallen lassen. Er seufzte traurig, als er an ihn dachte. Inzwischen war er verstorben, ärgerte sich stattdessen regelmäßig mit seinem Stiefvater herum, der für solchen Kinderkram keine Zeit hatte. Er beschäftigte sich lieber mit erwachsenen Dingen wie Saufengehen und Partymachen. Leider war er mit diesen Problemen alleine, da er keine Geschwister um sich hatte, die ihm zur Seite standen. Er hatte zwar eine ältere Schwester, doch diese war verschwunden, als er noch klein gewesen war. Eigentlich konnte er sich kaum noch an sie erinnern. Er hatte versucht, dies zu ändern, sei es durch das Ansehen von Fotos oder durch Nachfragen bei seiner Mutter. Doch alles war erfolglos geblieben, sodass er bis heute nicht wusste ob und wenn ja, wo seine Schwester lebte.

Auch wenn Malique sich oft fragte, ob ein Fluch auf seiner Familie lag, versuchte er, sich davon möglichst wenig anmerken zu lassen. Bevorzugterweise mochte er erst gar nicht auffallen, blieb immer im Hintergrund.

»Vielleicht schaffe ich es ja, hier über meinen Schatten zu springen. Immerhin beginnt jetzt ein neuer Lebensabschnitt.«

Malique richtete sich auf und atmete einmal tief ein und aus. Dann ging er hoch erhobenen Hauptes in das Gebäude.

Der große Eingangsbereich war aufgrund der Glasfassade lichtdurchflutet. Von allen Seiten kamen Menschen, die den Bereich schnellstmöglich durchqueren wollten. Malique blickte sich um und versuchte, zum Empfangsschalter zu gelangen, ohne jemanden anzurempeln. Die anderen Anwesenden schienen keinen Gedanken daran zu verschwenden – sie wollten nur auf direktem Weg zu ihrem Zielort. Kurz vor dem Schalter tippte jemand Malique auf die Schulter. Er drehte sich um und sah in das Gesicht einer jungen, rothaarigen Frau. Sie lächelte ihn nett an und sprach in bestimmtem Ton zu ihm.

»Du musst Malique sein! Willkommen bei der ICA!«

»Vielen Dank, hallo!«

Maliques Antwort kam schüchtern. Er sah sie etwas verwundert an. Nicht weil sie irgendwie seltsam aussah, sondern weil er ein ungewohntes, vertrautes Gefühl empfand, das er sich nicht erklären konnte.

»Irgendwoher kenne ich Sie, kann das sein?«, murmelte Malique. Die Frau lachte.

»Na ja, so groß ist die Stadt ja auch nicht. Aber lass ruhig das mit dem Sie. Ich heiße Lana!« Sie streckte ihm eine Hand entgegen, die er nach kurzem Zögern nahm und schüttelte. Als sich ihre Hände berührten, überlegte er, ob sie damit recht hatte. Sie wirkte vertraut auf ihn. Aber eine bessere Erklärung, als eine zufällige Begegnung, fiel ihm auch nicht ein. »Ich zeige dir nun deine Klasse, mit der du die nächsten zwei Jahre Theorieunterricht haben wirst. Folgst du mir bitte?«

Malique folgte Lana. Als sie durch die Gänge gingen, blickte er sich neugierig um. Die Wände waren allesamt weiß, hatten gewöhnliche Holztüren und gelegentlich hingen Porträts an der Wand. Hätte Malique es nicht besser gewusst, dann hätte er vermutet, er wäre in einem Krankenhaus unterwegs.

»Hier sind wir.«

Sie ging hinein und winkte Malique zu sich.

»Das ist Malique, euer neuer Kollege. Helft ihm bitte bei der Eingewöhnung.«

Dann lächelte sie und drehte sich zu ihm um.

»Ich hole dich dann später wieder ab. Viel Spaß.«

»Danke. Bis später!«

Malique blickte in die Runde, es hatten sich bereits sämtliche Anwesenden wieder umgedreht und redeten in kleinen Gruppen miteinander. Er seufzte.

Ihm war etwas übel, denn er mochte es absolut nicht, sich an neue Situationen, neue Menschen, neue Räume zu gewöhnen. Kurz: Er war ein Gewohnheitstier. Außerdem war es ihm immer ganz recht, wenn er nicht zu viel Kontakt zu anderen hatte. Woher diese Mischung aus Furcht und Abneigung kam, vermochte er nicht zu sagen. Doch selbst, wenn er sich überwand und mit fremden Menschen sprach, ging dies nur bei alltäglichen Situationen, wie beim Einkaufen, gut. Er hatte irgendwann die Feststellung gemacht, dass jedes Wort, das er von sich gab, auf die Waagschale geworfen und gegebenenfalls im Sinn verdreht wurde. Daher hatte er es schnell aufgegeben, Freunde zu finden und Menschen zu viel Vertrauen zu schenken. Zu groß war die Sorge, dass ihm dies dann auch mit ihnen passierte.

Malique ließ seinen Blick über das Klassenzimmer schweifen, versuchte aber, nicht zu sehr auf die Anwesenden zu achten. Das Zimmer war nicht sonderlich groß, gerade einmal 20 Schüler konnten hier insgesamt Platz finden. Davon war nur etwas mehr als die Hälfte besetzt.

Er nahm seinen Platz an einem Tisch in der zweiten Reihe ein und griff nach seiner Tasche, um einen Block und ein paar Stifte herauszuholen. Dann dauerte es auch nicht mehr lange, bis eine Frau den Raum betrat. Da sie die Tür hinter sich schloss und sich mit Fingerabdruck am Präsentationsterminal anmeldete, musste es sich um die Lehrerin handeln. Sie stellte sich gleich entsprechend vor.

»Guten Tag allerseits. Mein Name ist Laria Noell, ich bin für eure Klasse verantwortlich und werde euch in theoretischer Physik und Mathematik unterrichten.«

Malique rückte seine Stifte zurecht, sodass sie nun parallel zueinander lagen. Er mochte es, wenn Dinge ordentlich aufgeräumt waren. Selbst wenn es nur kleine Dinge waren, an denen sich sonst kein Mensch gestört hätte. Einige seiner Klassenkameraden beobachteten ihn wohl dabei, denn sie begannen augenblicklich zu tuscheln.

Er seufzte. Ob die anderen ahnten, dass er sie hören konnte? Ob es sie überhaupt interessierte? Er ließ den Kopf hängen. Das ging ja schon wieder gut los.

~*~

Der Unterricht selbst gefiel Malique sehr gut. Es fiel ihm nicht schwer, sich zu konzentrieren und den Ausführungen des Lehrers zu folgen. Fleißig machte er Notizen, versuchte aber, sich auf das Wesentliche zu beschränken. Das gelang ihm aber nicht, da er alles interessant fand. Schon bald hatte er die erste Seite vollgeschrieben. Wieder hörte er einen Klassenkameraden tuscheln und lachen.

»Guck mal da. Der schreibt alles mit!«

Glücklicherweise wurde dieser sofort vom Lehrer ermahnt, dass er still sein solle. Malique verdrehte die Augen. Immer wieder hatte er sich vorgenommen, sich über solche Kommentare gar nicht mehr aufzuregen. Aber er konnte in diesen Augenblicken nicht anders. Schlagfertige Antworten fielen ihm leider immer erst ein, wenn die unangenehme Situation längst hinter ihm lag.

Die restlichen Minuten der Unterrichtsstunden vergingen entsprechend langsam. Gegen Ende fand jedoch noch eine Ankündigung statt, die Maliques Laune erheblich steigerte.

»Morgen beginnen wir mit den Aufbauübungen für die allseits bekannte Humanzentrifuge. Diese bereitet euch unter anderem auf die Beschleunigung beim Start der Rakete vor. Da es etwas länger dauert, sich an diese Kräfte zu gewöhnen, wird euch dieses Training die komplette Ausbildung über begleiten.«

Damit entließ sie ihre Schüler in die Mittagspause. Die neuen Mitschüler unter ihnen, also auch Malique, mussten danach noch einige bürokratische Vorgänge und ärztliche Tests über sich ergehen lassen, um ihre Aufnahme in die ICA endgültig zu besiegeln.

»Wie war denn dein erster Tag mit deiner Klasse? Schon Freunde gefunden?«, fragte ihn Lana, nachdem er alles erledigt hatte.

»… ehrlich gesagt habe ich mir die Namen gar nicht erst gemerkt.«

»Wieso das denn?«

Malique zögerte. Sicherlich würde sie ihm nicht gleich einen Strick aus seiner ehrlichen Meinung drehen, trotzdem traute er sich nicht so recht.

»Danny war bei dir in der Klasse, soweit ich weiß«, begann Lana dann. »Gib ihnen eine Chance. Die lassen sich von diesem ganz Coolen nur anstacheln. Der kann nur halb so viel, wie er möchte.«

»Danke, Lana«, lächelte er.

Die Ausbilderin erwiderte das Lächeln und nickte. »Wollen wir in der Kantine etwas essen gehen?«

»Sehr gerne!« Zusammen betraten sie den großen Raum und begaben sich zur Essensausgabe. Lana sah interessiert über die Angebote und war erstaunt, als Malique innerhalb weniger Sekunden meinte: »Ich weiß, was ich nehme!«

»Was denn?«

»Spaghetti!«

Lana lachte kurz. Es gab eine Vielzahl von Gerichten, die Lana für sich in Betracht zog. Alle davon waren aufwendiger in der Zubereitung, sodass sie diese zu Hause niemals selbst kochen würde.

Nachdem sie ihr Essen erhalten hatten, setzten sie sich an einen freien Tisch und begannen zu essen. Währenddessen unterhielten sie sich und versuchten, einander näher kennenzulernen.

»Wie lange arbeitest du denn schon für die ICA?«

Lana überlegte kurz, dann antwortete sie: »Fast fünf Jahre sind es jetzt.«

»Wow! Gefällt dir noch alles?«

»Besser als zu Beginn. Dir wird das sicherlich genauso gehen. Wenn du dich anstrengst, dann darfst du sogar als Repräsentant des Planeten Erde zur Interstellar Space Organization

Malique sah die junge Frau erwartungsvoll an. Er hatte schon viel von dieser Organisation gelesen und wusste, dass dies eine große, wenn nicht sogar seine einzige Chance war, das Universum zu erkunden.

»Ehrlich? Es ist schon in der Ausbildung möglich, dafür ausgewählt zu werden?«

»Ja, ist es. Also streng dich an!«

Sie zwinkerte ihm zu, dann aßen sie weiter.

Noch ahnte keiner von beiden, dass sie nun regelmäßig miteinander in der Kantine sitzen und gemeinsam Essen würden. Denn Maliques Ausbildung, die ihm nun noch besser gefiel, hatte gerade erst begonnen.

2 Gedanken zu “Maliques erster Ausbildungstag

  1. Ja, vielleicht kann ich nicht aufhören, zu lesen – es tut mir nicht leid! 😀 *.*

    „Wenn man ihn fragen würde, was er am besten konnte, wäre seine Antwort »Ordnung halten«.“ – Also ein bisschen macht ihn das ja auch sympathisch, finde ich!

    Hier wird mir der Stiefvater gleich NOCH unsympathischer.

    „Ihm war etwas übel, denn er mochte es absolut nicht, sich an neue Situationen, neue Menschen, neue Räume zu gewöhnen.“ – Ich möchte ihn tröstflauschen!

    „Die lassen sich von diesem ganz Coolen nur anstacheln.“ – Macht sie nur halt trotzdem nicht angenehmer. *will immer noch tröstflauschen*

    Schön, seinen ersten Tag hier mal so zu lesen. Und noch toller, wenn man weiß, wie es weiter geht, hihi!

    <3

    1. Ich weiß noch, wie schwer es mir fiel, diese Geschichte zu schreiben, weil mir Malique so leid tat. Gleichzeitig mochte ich ihn danach einfach noch viel mehr. qwq
      Danke, dass du mit ihm gelitten und ihn „getröstflauscht“ hast! <3

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